Leonardo da Vinci
Leonardo da Vinci wurde am 15. April 1452 in Vinci bei Florenz geboren und starb am 2. Mai 1519 in Chateaux de Cloux bei Amboise (Frankreich) Bild © picture-alliance/dpa

Leonardo da Vinci ist der Inbegriff des Universalgenies: Er hat Flugmaschinen konstruiert, den menschlichen Körper studiert, einmalige Kunstwerke geschaffen und Kriegswaffen ersonnen. Was für ein Mensch war er?

Künstler, Erfinder oder Wissenschaftler? Wer Leonardo da Vinci mit einem Wort beschreiben möchte, muss zwangsläufig scheitern. Dieser Mann entzieht sich jeder Vereinfachung. Wer ihn wirklich verstehen wolle, müsse schon genauer hinsehen, meinte Eike Schmidt, der deutsche Direktor der Uffizien in Florenz, die einen wichtigen Teil von Leonardos Erbe verwahren.

Eike Schmidt, Direktor der Uffizien in Florenz
Eike Schmidt, Direktor der Uffizien in Florenz Bild © picture-alliance/dpa

"Im Grund genommen würde man ihn heute als eine Art Nerd bezeichnen", sagt Schmidt. "Er war jemand, der sehr viel vor sich hingeforscht hat. Das konnte man von außen nicht sehen, ob das alles Unsinn war oder ob das doch irgendwohin geführt hat." Weil ein Großteil seiner Forschungsergebnisse bis in die Moderne verborgen blieb.

Seiner Zeit voraus

Ob Geologie, Biologie, Medizin, Optik oder Mechanik – in den Naturwissenschaften war Leonardo seiner Zeit voraus, weil er ganzheitlich dachte und alles mit allem in Verbindung setzte, so der Direktor des weltberühmten Museums. "Wann immer Leonardo als Naturwissenschaftler, als Ingenieur der Welt begegnet, ist er auch Künstler.

Und umgekehrt: Wann immer er als Künstler etwas wiedergibt, ist er eben auch Naturwissenschaftler und Ingenieur." Dann zum Beispiel, wenn er in seinen Bildern Pflanzen, Tiere oder geologische Formationen absolut naturgetreu abbildet. Leonardo war ein Meister der Beobachtung und des vernetzten Denkens, der immer bereit war, vermeintlich gesicherte Erkenntnisse in Frage zu stellen.

Florenz: Das Silicon Valley seiner Zeit

Dabei hatte er – das uneheliche Kind – nicht einmal eine Universität besucht und war doch zu einem der ganz Großen geworden – damals vor 500 Jahren, als neben Leonardo auch Michelangelo und Raffael in der Hauptstadt der Toskana eine künstlerische Heimat fanden. "Tatsächlich hatten wir von 1504 bis 1506 alle drei großen Künstler in Florenz zusammen", sagt Eike Schmidt. "Aber nicht nur die, sondern auch noch Hunderte weitere Künstler, von denen einzelne dann auch zu den größten ihrer Zeit zählten. Also wirklich ein absolutes Zentrum der Kunst und aber auch der Wissenschaft. Also da war Florenz eher das Silicon Valley der Zeit."

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„Er konnte sehr umgänglich sein, aber er brauchte einfach seine eigene Zeit mit seinen Papieren, mit seinen Beobachtungen in der freien Natur.“ Zitat von Eike Schmidt
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Und mittendrin die Ausnahmeerscheinung Leonardo da Vinci, der kein ganz einfacher, aber doch ein vergleichsweise angenehmer Zeitgenosse gewesen sein muss, sagt Eike Schmidt, der viele Quellen aus der damaligen Zeit gelesen hat. Während Michelangelo ein Eigenbrödler war, der gerne Streit gesucht habe und häufig menschenfeindlich sein konnte und Raffael im Gegensatz dazu ein wirklich umgänglicher, hilfsbereiter und wohlerzogener Mensch gewesen sei, habe Leonardo in der Mitte gestanden: "Er ist wirklich ganz von seinen Forschungen getrieben gewesen, aber er hatte eben nicht Wutausbrüche. Er konnte auch sehr umgänglich sein, aber er brauchte einfach seine eigene Zeit mit seinen Papieren, mit seinen Beobachtungen in der freien Natur."

Ein Linkshänder, der auch rechts konnte

Leonardos Gabe zur genauen Beobachtung spiegelt sich in Tausenden von Zeichnungen, die sich bis heute erhalten haben. Das älteste datierte Blatt stammt aus dem Jahr 1473, Eike Schmidt hat es genau untersuchen lassen. Dabei haben die Spezialisten erst vor wenigen Wochen eine aufsehenerregende Entdeckung gemacht. Leonardo war nicht nur Linkshänder, er konnte – anders als bis jetzt vermutet – auch mit der rechten Hand malen.

Früher habe man das zu schematisch gesehen: "Wenn mal was mit der rechten Hand gezeichnet war, hat man gesagt, das muss ein Werkstattmitarbeiter gewesen sein. Und wir müssen uns jetzt alles nochmal neu anschauen und vom Duktus her, von der Bedeutung eines Striches im kreativen Prozess ausgehen, um zu sehen, ist jetzt dieser Strich von Leonardo oder eventuell nicht?".

Mit jedem Jahr lebendiger

Bei der Aufklärung könnte ein anderes Werk helfen, das seit wenigen Monaten genauen Aufschluss darüber gibt, wie Leonardo seine Gemälde konzipiert hat: Die sogenannte "Anbetung der Heiligen Drei Könige" ist ein unvollendetes Frühwerk, an dem die Maltechnik des Meisters nun nach einer aufwendigen Restaurierung genau studiert werden kann – und zwar aus allernächster Nähe. Eike Schmidt hat dafür spezielle Klimatresore angeschafft, deren schützende Scheiben für die Museumsbesucher fast unsichtbar bleiben. Frisch und modern strahlen jetzt Leonardos Entwürfe – zum Beispiel drei Pferdeköpfe, die an Bewegungsskizzen für einen Zeichentrickfilm erinnern –, als ob der Künstler seine Staffelei gerade erst verlassen hätte.

Frankreich, Amboise: Das Grab von Leonardo da Vinci in der Schlosskapelle Saint Hubert.
Frankreich, Amboise: Das Grab von Leonardo da Vinci in der Schlosskapelle Saint Hubert Bild © picture-alliance/dpa

Leonardo scheint mit jedem Jahr lebendiger zu werden – fast wie ein Kind unserer Zeit. "Gerade jetzt um den 2. Mai herum liest man praktisch täglich in der Zeitung irgendwelche angeblichen Neuerkenntnisse, Neuentdeckungen, die Leonardo irgendwo auf der Welt gemalt hätte", sagt Eike Schmidt. Doch da sei "größte Skepsis angebracht. Auch wer behauptet, Knochen gefunden zu haben, aus denen man die DNA von Leonardo herausholen könnte und vielleicht neue Leonardos züchten könnte - auch da ist größte Skepsis geboten." Schon deshalb, weil Gene allein das Phänomen Leonardo nicht erklären können. Das Universalgenie mag seiner Zeit vorausgewesen sein, ebenso war er aber auch ein Kind eben dieser Zeit, in der Wissenschaft und Kunst zu großer Blüte kamen.

Sendung: hr-iNFO, 2. Mai 2019, 6:10 Uhr

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