Bericht Amnesty International ()

Vor 60 Jahren gründet der britische Anwalt Peter Benenson in London Amnesty International. Heute ist die Menschenrechtsorganisation in 53 Ländern aktiv und hat mehr als zehn Millionen Unterstützerinnen und Unterstützer. Was machen die vielen kleinen Amnesty-Gruppen eigentlich genau? Wie arbeiten sie und was haben sie erreicht?

Vor 40 Jahren wurden Hans-Joachim Karalus und Brigitte Gottwald Mitglieder bei Amnesty International. Rückblickend, sagt Karalus, "war das eine ziemlich chaotische Zeit". Gottwald erinnert sich, was sie damals motivierte: "In der Zeit war ja Auschwitz noch ein ganz großes Thema. Dieses Entsetzen, was unterm Nationalsozialismus gelaufen ist - das war doch der Fehler, dass niemand was gemacht hat."

Mit diesen Gedanken haben sich Hans-Joachim Karalus und Brigitte Gottwald in den 70er Jahren Amnesty International angeschlossen. Erst in Berlin und Frankfurt. 1981 gründen sie dann die Gruppe in Gelnhausen. Damals, erinnert sich Gottwald, war Amnesty noch eine Gefangenenhilfsorganisation, die ihren Gruppen ganz klare Einsätze vorgab: "Man muss ja denken, Griechenland war noch eine Militärdiktatur, Portugal, Spanien, dann ganz Südamerika ... also das wurde in London entschieden und das war dann selbstverständlich, dass man zu dem Fall gearbeitet hat, so gut man eben konnte."

Es braucht langen Atem

Um unabhängig zu bleiben, hat sich Amnesty um Gefangene aus drei Regionen gleichzeitig gekümmert: aus der dritten Welt, dem Westen und dem Osten. An ihren ersten Fall kann sich Gottwald noch genau erinnern: "Pivovar" hieß er. "Wir haben angefangen, Kontakte zur Familie herzustellen, zu seinem Rechtsanwalt, wir haben rausbekommen, in welchen Gefängnis er sitzt und haben dann auch regelmäßig Briefe an die polnischen Behörden geschrieben." Das Interessante sei gewesen, dass er dann doch wesentlich früher freigelassen worden sei. Auch wenn es sich im Nachhinein nie klar sagen lässt, wie stark die Wirkung der Amnesty-Arbeit ist: Solche Nachrichten sind ein Erfolg.

Aber es gibt auch Fälle, die aussichtslos erscheinen, die einen langen Atem brauchen, erzählt Gottwald. Etwa beim Fall eines syrischen Arztes, an dem sie sieben Jahre lang gearbeitet . Die Gruppe sei manchmal nah an der Verzeiflung gewesen und habe nicht mehr daran geglaubt, dass der Mann noch lebt. "Nach sieben Jahren haben wir die Nachricht bekommen, dass er freigekommen ist. Das war schon beeindruckend."

Briefe statt E-mails

Es gibt auch die Fälle, die stumm bleiben, wo niemals eine Nachricht kommt, erzählen die beiden Amnesty-Mitglieder. Umso motivierter sind die Aktivistinnen und Aktivisten, wenn ein ehemaliger Gefangener direkten Kontakt aufnimmt, wie bei einem Fall aus Hanau, an den sich Karalus erinnert: "Die hatten sehr lange einen politischen Gefangenen aus Chile betreut, und derjenige, der dann freigelassen wurde, hat später einen ganz langen Brief geschrieben und sich bedankt und erklärt, wie wichtig das für ihn war, diese Unterstützung zu haben, um die Gefangenschaft durchzustehen."

Bis heute ist das Briefeschreiben an Gefangene und Regierungen repressiver Länder eine wichtige Aufgabe von Amnesty-Gruppen. Zwar wird mittlerweile viel übers Internet recherchiert, das traditionelle Briefeschreiben aber bleibt. Aus gutem Grund, sagt Gottwald: "Weil wir einfach davon ausgehen, dass wenn tausende Briefe bei irgendeiner Regierungsstelle ankommen, dass das mehr Wirkung hat psychologisch als eine E-Mail, die man wegklicken kann."

Nicht nur Zuspruch

Die Gelnhäuser Gruppe ist gut vernetzt. Alle zwei Wochen trifft man sich, wenn nicht gerade Pandemie herrscht. Viel Zeit nimmt auch das Spendensammeln in Anspruch, daneben werden Vorträge organisiert - oder mit Bürgern über Rassismus im eigenen Land gestritten. Manchmal wird das auch ungemütlich, erklärt Gottwald: "Wenn’s um solche heißen Themen ging wie Asylbewerber hier aufnehmen und so, da zeigte sich natürlich, dass das nicht so Friede-Freude-Eierkuchen war, sondern dass da auch sehr viel Widerstand in der Bevölkerung war, wo wir auch beschimpft wurden bei Veranstaltungen."

Acht aktive Mitglieder zählt die Gelnhausen-Gruppe, die sich dringend Nachwuchs wünscht. In der Nachbargruppe gibt es ihn. In Hanau steht die 29-jährige Vanessa Forkert neben einer Statue von Amnesty. Es ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, aufgestellt nach den rassistischen Anschlägen: "Ich möchte in einer Welt leben, in der meine Rechte, die Menschenrechte geachtet werden, und ich möchte, dass auch der Status Quo weiter erhalten bleibt. Um es mit Karl Popper zu sagen: Da wo Intoleranz herrscht, muss die Toleranz aufhören, weil einfach die Vielfalt beschnitten wird."

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Zum Artikel DIE Stimme für die Menschenrechte: 60 Jahre Amnesty International

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 28.5.2021, 6 bis 9 Uhr

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