Deutsche und türkische Flagge (picture alliance / imageBROKER)

In den 60er Jahren kamen immer mehr Menschen aus der Türkei nach Deutschland, um zu arbeiten. Mit dem Anwerbeabkommen vom Oktober 1961 lockte die junge, florierende Bundesrepublik billige Arbeitskräfte ins Land - auch und besonders nach Südhessen. Ein Abenteuer, das nicht für alle glücklich endete.

Stellen Sie sich vor, Sie sind 20 Jahre alt, voller Träume, Hoffnungen und Tatendrang, kommen in einem Land an, dessen Sprache Sie nicht sprechen - und sollen sich dort ohne Smartphone oder Internet zurechtfinden. Keine schöne Vorstellung, finde ich. Und doch gab es für tausende Gastarbeitende aus der Türkei Anfang der 1960er Jahre genügend Anreize, ein solches Abenteuer zu wagen.

Südhessen mit "hoher Bedeutung"

Anfangs waren das vor allem junge Männer, erklärt der Migrationshistoriker Jochen Oltmer: "Menschen, die die Schule abgeschlossen haben, die eine Ausbildung abgeschlossen haben in der Türkei, die Im Alter von 18, 20 Jahren in die Bundesrepublik kommen." Angezogen vom Wirtschaftswunder, gelockt mit dem Ausblick auf ein hohes Einkommen, war vor allem das Rhein-Main-Gebiet Ziel türkischer Gastarbeitender, erklärt Oltmer: "Man kann davon sprechen, dass vor allem Südhessen eine hohe Bedeutung in Hinblick auf die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte insgesamt und insbesondere auch Türkinnen und Türken hat. Also Frankfurt, Offenbach, Darmstadt, Rüsselsheim."

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Das verwundere nicht, wenn man sich die Schwerpunktbranchen anschaut, in denen Gastarbeitende beschäftigt waren, erklärt der Migrationsforscher Niklas Alt vom Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde: "gerade auch die Automobil-Industrie im Rhein-Main-Gebiet, allerdings auch in anderen industrieverarbeitenden Betrieben im südhessischen Raum."

Ein Drittel Frauen

Im weiteren Verlauf des Gastarbeitenden-Zuzugs seien dann auch immer mehr türkische Frauen nach Hessen gekommen. "Das wird auch oft gerne übersehen, wenn man den Stereotypen des Gastarbeiters vor Augen hat, der eben jung und männlich ist", sagt Alt. Aber gerade kurz vor dem Anwerbestopp sei es so gewesen, dass etwa ein Drittel der Personen, die zum Arbeiten nach Hessen kamen, Frauen waren.

Neben Unternehmen wie Opel, Dunlop, Sarotti, Höchst und Branchen wie die Abfallwirtschaft sei auch die Steinbearbeitung im Odenwald dankbar für kostengünstige Arbeitskräfte aus der Türkei gewesen, sagt Berrin Nakipoglu-Schimang von der Türkischen Gemeinde Hessen. "Sehr stark war es auch in Stadtallendorf, das sind Gießereien gewesen. Und Stadtallendorf ist fast wie eine türkische Kolonie mittlerweile", sagt Nakipoglu-Schimang.

Mangelnde Vorbereitung auf gemeinsames Leben

Das Leben für die Gastarbeitenden aus der Türkei in Hessen war dabei keineswegs einfach, erklärt die 73-Jährige, die 1967 nach Frankfurt kam und unter anderem als Lehrerin gearbeitet hat. "Ohne Sprache und ohne Wissen vom Alltagsleben kamen sie sich wie kleine Kinder vor. Und sie hatten auch Angst, aus diesen Heimen zu gehen – alleine erst recht nicht. Dann sind sie in Gruppen rausgegangen, was wiederum für die Einheimischen angsteinflößend war, während es für die anderen eine wirkliche Schutzmaßnahme war."

Zitat
„Ohne Sprache und ohne Wissen vom Alltagsleben kamen sie sich wie kleine Kinder vor.“ Berrin Nakipoglu-Schimang, Türkische Gemeinde Hessen Berrin Nakipoglu-Schimang, Türkische Gemeinde Hessen
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Sie selbst ist nicht als Gastarbeiterin über das Anwerbe-Abkommen nach Deutschland gekommen, sondern als Studentin. Als ehemalige Leiterin einer Integrationsstelle im hessischen Kultusministerium beklagt sie auch eine mangelnde Vorbereitung auf ein gemeinsames Leben von Gastarbeitenden und Einheimischen in Deutschland. "Die Leute wurden in keiner Weise darauf vorbereitet, aber von beiden Seiten." Auch die Einheimischen hätten darauf vorbereitet werden müssen. "Und so trafen sich Menschen, die sich absolut nicht kannten und sehr unterschiedlich waren", sagt Nakipoglu-Schimang. Auch das sei ein Grund dafür, dass heute viele der Gastarbeitenden der ersten Generation isoliert von der Mehrheitsgesellschaft lebten. Häufig krank, nicht selten in Armut.

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