Abbiege-Assistent
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Immer wieder kommt es zu schweren Fahrrad-Unfällen, die von abbiegenden Lkw verursacht werden. Ein automatisches Warnsystem könnte dagegen helfen: sogenannte Abbiege-Assistenten. Doch die sind bisher nur in wenigen Lastwagen eingebaut. Woran liegt's?

Fast jeder Radfahrer erlebt es, wenn er auf der Straße fährt: Rechts ist der Bordstein und links schiebt sich plötzlich ein riesiger Lkw oder Bus neben einen, und der könnte ja an der nächsten Straße oder Einfahrt plötzlich rechts abbiegen. Allein in Frankfurt zählt die Polizei jährlich zwischen 15 und 20 Abbiegeunfälle mit Lkw, bei denen Radfahrer zu Schaden kommen.

Nur kein Risiko, das sagt sich deshalb eine Frankfurter Radfahrerin: "Ich warte, bis ich Kontakt zu dem Fahrer aufnehmen kann, also bis ich merke, dass er wirklich anhält." Was diese Frau selbst macht, nämlich dem Lkw-Fahrer ein Zeichen geben, das könnte auch ein technisches Warnsystem übernehmen – ein sogenannter Abbiege-Assistent. Darunter ist eine Anlage zu verstehen, die Personen und Fahrzeuge neben dem Lkw ortet und den Fahrer dann beim Abbiegen mit Piepton und Blinklicht warnt.

Langwierige Regelungsverfahren auf EU-Ebene

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club ADFC fordert solche Systeme schon lange, sagt der hessische Landesgeschäftsführer Norbert Sanden: "Der ADFC hat bereits 2012 im Bundesverkehrsministerium vorgeschlagen, diese Abbiege-Assistenten zur Pflicht zu machen. Das ist nicht erfolgt.

Abbiege-Assistenten sind heute eine krasse Ausnahme, obwohl sie nur ein paar Tausend Euro kosten." Und bis solche Assistenten wenigstens für alle Neufahrzeuge zur Pflicht werden, dürften nach Einschätzung von Experten noch mindestens drei Jahre vergehen. Das liegt am langwierigen Regelungsverfahren auf EU-Ebene.

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Die deutsche Politik und die Abbiege-Assistenten

Von Andreas Reuter

Im Koalitonsvertrag haben Union und SPD längst vereinbart, dass für neue Lkw und Busse Abbiege-Assistenten vorgeschrieben werden sollen. Und der Bundesrat hat sich sogar schon für eine Nachrüstpflicht für ältere Fahrzeuge ab 7,5 Tonnen ausgesprochen.

Doch die Einführung der Vorschrift sei nicht so einfach, sagt Verkehrsminister Scheuer. Er würde die Abbiege-Assistenzen lieber heute als morgen einführen, doch wenn er das tue, drohe eine Klage wegen Verstoßes gegen EU-Recht.

Denn so eine Vorschrift müsste die EU gemeinsam einführen. Brüssel arbeitet auch dran, aber das kann dauern. Inzwischen setzt Scheuer darauf, dass möglichst viele freiwillig mitmachen. Fünf Millionen Euro stehen bereit; wer freiwillig einen Abbiege-Assistenten anschafft, kann aus diesem Topf einen Zuschuss bekommen.

Nur auf die EU zu verweisen, reicht Daniela Wagner nicht. Sie sitzt für die Grünen im Verkehrsausschuss. „Wir glauben einfach, dass der Verkehrsminister die nationalen Möglichkeiten, die ihm durchaus bleiben, bisher nicht oder nicht optimal genutzt hat“, sagt sie.

Denn der Bund besitzt ja auch selbst tausende von Lastwagen. Da könnte er darauf drängen, dass wenigstens die Abbiege-Assistenten haben. In einer kleinen Anfrage wollte Daniela Wagner wissen, wie es der Bund damit hält. In der Antwort der Bundesregierung steht: Das Innenministerium hat 3.500 Lastwagen, nur sieben davon haben einen Abbiege-Assistenten. Und im Verteidigungsministerium sieht es noch schlechter aus: Dort gibt es über 12.000 Lkw, und nur einen mit Abbiege-Assistent.

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Ein Problem vor allem in Städten

Abbiege-Unfälle sind vor allem ein Problem in Städten. Um solche Unfälle zu vermeiden, kann der Abbiege-Assistent nur ein Mittel sein, sagt Heiko Nickel, hessischer Landesgeschäftsführer des Verkehrsclubs Deutschland. Er will mehr: "Eine Forderung ist ganz klar: Tempo 30 in der Stadt. Tempo 30 ist eine menschliche Geschwindigkeit für die Städte, die würde sehr viel Druck rausnehmen, sehr viel mehr Sicherheit bringen." Neben den Abbiege-Assistenten müssten Kreuzungen so umgestaltet werden, dass es nicht zu diesen Konflikten komme.  

Zum Beispiel so, dass Radfahrer sich an einer roten Ampel vor den wartenden Autos aufstellen und auch vorher grün bekommen. Im fließenden Verkehr wird allerdings auch das nicht helfen, da besteht für Radler – egal bei welchem Tempo – das Risiko, vorübergehend im toten Winkel eines Lkw zu verschwinden. Norbert Sanden vom ADFC hat dafür folgenden, simplen Tipp an alle Radfahrer: Einfach mal auf die Bremse treten und das Fahrzeug vorbeifahren lassen, sicher ist sicher: "Als Radfahrender ist man immer gut dran, wenn man einkalkuliert, dass die Autofahrer einen nicht sehen."

Sendung: hr-iNFO, 23.01.2019, 6:10 Uhr

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