Leerer Bundestag

Macht, Glamour, Chauffeure, gutes Geld: Das Leben eines Bundestagsabgeordneten klingt erst mal aufregend. Doch manchmal ist es vor allem: einsam. Und nicht jeder findet einen guten Weg, damit klarzukommen.

Michael Hartmann, SPD-Abgeordneter aus Mainz, gab vor sechs Jahren zu: Er habe mal einen Monat lang die Droge Chrystal Meth gekauft und konsumiert. Dem "Spiegel" erzählte er, er habe sich ausgebrannt gefühlt, wenn er abends alleine in seine Berliner Wohnung kam. Und kaufte irgendwann einmal von einer Dealerin Chrystal Meth. Er habe gehofft, sagte er der Staatsanwaltschaft, durch die Droge "leistungsfähiger" zu werden.

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Am Mittwoch (16.9.) erscheint ein Buch, das hinter die Kulissen des politischen Lebens in Berlin blickt: "Alleiner kannst du gar nicht sein: Unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst", von Peter Dausend und Horand Knaup, Deutscher Taschenbuch Verlag.

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Auch der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck  wurde bei einer Polizeikontrolle mit Chrystal Meth erwischt, er trat sofort von allen seinen Ämtern zurück, später sagte er bei Sandra Maischberger: "Ich denke, wir Politiker sind so fehlerhaft wie alle anderen Menschen auch."

Malteser gegen die Überforderung

Der Autor Reimar Oltmanns hatte schon, als der Bundestag noch in Bonn war, Abgeordnete beobachtet und 1988 in der ARD-Sendung "Panorama" von einem Abgeordneten in der Bar des Bundeshauses erzählt, "der dort saß und sagte, 'Ich bin alle, ich schaffe es nicht mehr' und den Malteser in sich reinkippte und dann gleichzeitig wieder seine Anweisungen per Telefon der Sekretärin durchgab und dann wieder zum Schnaps griff."

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Der CDU-Abgeordnete Andreas Schockenhoff machte 2011, nach mehreren Unfällen unter Alkoholeinfluss, öffentlich, dass er alkoholkrank war. Ein Abgeordnetenleben in der Hauptstadt sei "ein permanenter Ausnahmezustand", sagte der frühere CSU-Landesgruppenchef Michael Glos 2011 zum Magazin "Der Spiegel". Er habe Kolleginnen und Kollegen durch den Alkohol sterben sehen. "Das hat auch etwas mit der Einsamkeit des Politikers zu tun", sagte Glos. Er habe "tragische Schicksale erlebt, bis hin zum Freitod".

Ins-Nichts-Fallen

Dem SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy wurde vorgeworfen, kinderpornografische Bilder bestellt zu haben. Er räumte ein, Bilder, die allerdings nicht verboten waren, bestellt zu haben. Sein Verfahren wurde gegen Zahlung einer Summe von 5.000  Euro eingestellt. Aber: Ab jetzt war er geächtet. Heribert Prantl von der "Süddeutschen Zeitung" konnte ihn für eine Reportage an einem geheimgehaltenen Ort besuchen: "Edathy lebt völlig zurückgezogen, hat Angst, wird bedroht, kriegt Morddrohungen", so Prantl. "Dieses Ins-Nichts-Fallen war schon der für mich wichtige Eindruck."

Vielleicht erst, seit es das Internet und die sozialen Medien gibt, sind Politiker Ziel von Hassmails. Die Abgeordneten Peter Tauber (CDU) und Renate Künast (Grüne) lasen einige davon vor: "Du krankes Tier, es wird allerhöchste Zeit, Dich Pestbeule totzuschlagen", "Du rote Bestie, Du bist der Nächste" (beide an Peter Tauber), "Du dummes Stück grüne Scheiße, einfach die Fresse halten und begrabe Dich für diese erbärmlichen Aussagen im Garten" (an Renate Künast).

"Nirgendwo so einsam wie in Berlin"

Eine Umfrage des ARD-Magazins "Report München" unter Bundestagsabgeordneten im vergangenen Jahr ergab: Eigentlich alle hatten Hassmails bekommen. Besonders Frauen erhielten üble Beschimpfungen, Vergewaltigungswünsche und Todesdrohungen. Elf Prozent der befragten Frauen im Bundestag hatten laut der Umfrage Zweifel daran, ob sie unter diesen Umständen weiter Abgeordnete bleiben wollten.

Als die CDU-Abgeordnete Anette Hübinger aus Saarbrücken das erste Mal in den Bundestag kam, sagte ihr eine Kollegin, sie werde sich nirgendwo so einsam fühlen wie in Berlin. Tatsächlich gehe wirklich jeder in Berlin seine eigenen Wege, erzählt Anette Hübinger der Webseite des Bundestages. Sie fand, sagt sie, im Gebetskreis des Bundestages einen sozialen Ausgleich. Dort treffen sich jeden Freitag 15 bis 20 Abgeordnete: Christen, Muslime, Juden und sogar Atheisten unter den Abgeordneten sind dort willkommen.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 16.9.2020, 6 bis 9 Uhr

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