Rettungsfahrzeuge und Täterauto am Tatort in Volkmarsen

Vor einem Jahr fuhr ein Amokfahrer in den Rosenmontagsumzug von Volkmarsen, 154 Menschen wurden an Leib und Seele verletzt. Wir haben zwei getroffen, die bis heute mit den Folgen zu kämpfen haben.

Elisa-Joline ist zehn Jahre alt. Ein wenig strecken muss sie sich, um etwas in das große Buch zu schreiben, das in Volkmarsen seit einem Jahr ausliegt auf einem Holzpult in der Pfarrkirche St. Marien. "Ich danke allen, die geholfen haben", schreibt sie. Ihr Dank gilt all jenen Menschen, die am Rosenmontag des vergangenen Jahres sofort und beherzt geholfen haben. Auch ihr.

Sie schaute zu beim Rosenmontagsumzug, als sie vom Auto des Amokfahrers erfasst wurde: "Ich habe so zur Seite geschaut und hab das Auto gesehen und wollte auch zurückgehen, aber ich hab‘s nicht mehr geschafft. Und dann lag ich auf dem Auto. Und ich hab‘ nur noch gesehen, wie sich die Räder drehen, weil ich irgendwie so mit dem Kopf nach unten lag." Verletzt kommt sie ins Krankenhaus nach Kassel: "Ich hatte hier am Bauch so eine Narbe, so nach oben, und hatte auch einen Finger gebrochen und die ganze Seite geprellt."

Die Angst ist geblieben

Ihre Verletzungen sind mittlerweile gut verheilt. Geblieben aber sind Ängste, vor allem sorgt sie sich um ihre Mutter, die genau dort arbeitet, wo alles geschah: "Ich hab‘ Angst um sie, weil sie arbeitet ja bei Rewe und da kann ihr halt wieder was passieren, weil da ist es ja auch passiert. Und deswegen habe ich immer irgendwie richtig Angst um sie." Über ihre Ängste spricht sie regelmäßig mit einer Psychologin.

Elina-Joline ist nicht die einzige: Auch Diana benötigt psychologische Unterstützung, zudem bekommt sie regelmäßig Physio- und Ergotherapie. Die 24-Jährige kämpft sich zurück ins Leben. "Eigentlich hat sich alles verändert", sagt sie. "Es ist nichts mehr so, wie es mal war. Ich war ja vorher ganz normal arbeiten und alles und konnte auch Ausbildung machen. Jetzt kann ich eigentlich nichts mehr machen. Jetzt bin ich froh, dass ich an der Schule teilnehmen kann."

Um ein Jahr zurückgeworfen

Diana war am Rosenmontag mitten im Umzug, in einer Karnevalsgruppe, als der Amokfahrer in die Menge fuhr. Daran hat sie keine Erinnerung mehr. Sie erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, einen komplizierten Bruch des linken Ellbogengelenks und weitere Verletzungen. Drei Wochen lag Diana im Koma. Danach wochenlang Reha-Behandlung. Seit elf Jahren spielt sie Klarinette, auch in einem Blasorchester. Nun ist jeder Ton eine Herausforderung. Die rechte Hirnhälfte sei betroffen gewesen und die Verbindungen müssten nun erst wieder aufgebaut werden, sagt sie.

Zitat
„Es ist wichtig, "dass es auch wahrgenommen wird, was er alles ausgelöst hat."“ Zitat von Diana, erlitt bei der Amokfahrt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma
Zitat Ende

In ihrer Ausbildung zur Steuerfachangestellten ist sie um ein Jahr zurückgeworfen. Steuern ausrechnen, Gehaltsabrechnungen machen - das habe sie alles mal gelernt, aber das habe sie "momentan nicht im Kopf. Deshalb muss ich das alles nochmal neu lernen sozusagen." Wenn das Gericht die Anklage gegen den Amokfahrer zulässt, wird sie Nebenklägerin sein. Ihr ist wichtig, "dass es auch wahrgenommen wird, was er alles ausgelöst hat. Dass er nicht so einfach da reingefahren ist, sondern dass das auch immer noch Folgen hat. Selbst ein Jahr danach."

Besonders geholfen habe ihr, dass ihr Freund, ihre Familie, ihre Freunde immer ganz fest zu ihr gestanden haben. Und sie sagt - genauso wie die 10-jährige Elisa-Joline - Dank all jenen, die vor einem Jahr in Volkmarsen so schnell und beherzt geholfen haben.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 24.2.2021, 6 bis 9 Uhr

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