Ein Analphabet schreibt Sätze zur Übung in ein Heft
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6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland können kaum lesen oder schreiben. Ihr Alltag ist geprägt von Scham und jeder Menge Tricks, um die Defizite zu verdecken. Das Kasseler Zentrum für Alphabetisierung versucht, Betroffenen zu helfen.

Thomas Ewald von der Volkshochschule der Region Kassel kümmert sich schon seit vielen Jahren um Analphabeten. Er organisiert für sie Kurse, in denen sie als Erwachsene nachträglich schreiben und lesen lernen können. Und er ist für sie die erste Anlaufstelle, wenn sie Hilfe suchen.

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Die Überwindung, zu den Kursen zu kommen, sei sehr hoch, sagt Ewald. „Da muss man außerordentlich sensibel damit umgehen, wenn sie dann hier sind. Die schämen sich und sind teilweise sehr traurig und haben Angst vor dem Unterricht, weil sie ständig ihre Defizite eingestehen müssen."

Stift vergessen, Brille nicht zur Hand

Viele Betroffene tarnen oft sehr lange, dass sie nicht lesen und schreiben können, sagt Ewald. Das klappe selbst im Kontakt mit Behörden wie dem Arbeitsamt oder der Sozialhilfestelle. Es gebe "einen Haufen Tricks, um das zu kaschieren: Man hat einen Stift vergessen oder die Brille ist nicht da oder was auch immer. Das eignen die sich an, um ihre Defizite zu verdecken."

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Die meisten Betroffenen sind keine totalen, sondern funktionale Analphabeten. Das heißt, sie haben irgendwann in der Schule lesen und schreiben gelernt, diese Fähigkeiten aber mangels Übung wieder weitgehend verloren. Einzelne Wörter zum Beispiel können Sie noch mühsam entziffern, aber ein zusammenhängender Text ist für sie ein Rätsel.

Raus aus der Tabuzone

Die Menschen seien von vielen Bereichen vollkommen ausgeschlossen, sagt Ewald. "Das fängt schon an, wenn sie wissen wollen, was im Fernsehen kommt und sie können das nicht lesen. Geschweige denn von der Lektüre einer Tageszeitung."

Wenn sich Analphabeten zu erkennen geben und nach Hilfe suchen, ist schon ein großer Schritt getan. Damit das noch häufiger passiert als bisher, hat die Landesregierung in Hessen die fünf Zentren für Alphabetisierung ins Leben gerufen, gefördert mit viel Geld des Europäischen Sozialfonds. In der Region Kassel hat die Volkshochschule diese Aufgabe übernommen, wegen ihrer Vorerfahrung auf diesem Gebiet.

Damit den Betroffenen leichter geholfen werden kann, hat sich das Kasseler Zentrum für Alphabetisierung auch zur Aufgabe gemacht, das Thema aus der Tabuzone zu holen. "Um Brücken zu bauen und die Informationen weiterzugeben", sagt Koordinator Gökcen Göksu. Und um den Leuten zu zeigen: "Du bist kein Einzelfall."

Sendung: hr-iNFO, 7.5.2019, 16:30 Uhr

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