Screenshot der geschlossenen Hansa Market Plattform

Cyber-Kriminelle sind anonym im Netz unterwegs und verschlüsseln ihre Daten. Beim Darknet-Marktplatz Hansa Market ist es der Polizei dennoch gelungen, ihnen auf die Spur zu kommen. Eine exklusive hr-iNFO-Recherche liefert einen Einblick in die ungewöhnlichen Ermittlungen.

Hansa Market war einer der beliebtesten Umschlagplätze für illegale Waren im sogenannten Darknet, dem Bereich des Internets mit dem schlechtesten Ruf, der nur über spezielle Software erreichbar ist. Mitte 2017 konnten Polizei und Staatsanwaltschaften mehrerer Länder in einer internationalen Operation die mutmaßlichen Betreiber der Plattform in Deutschland festnehmen, jetzt hat die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt Anklage gegen sie erhoben. Der Prozess wird vor dem Landgericht Gießen stattfinden. Ihnen droht eine hohe Haftstrafe.

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hr-iNFO-Netzwelt: Ein Blick hinter die Kulissen der Ermittlungen

hr-iNFO-Netzwelt bietet einen exklusiven Blick hinter die Kulissen der Ermittlungen im Fall Hansa Market. Die Sendung zeigt, wie es gelang, die mutmaßlichen Betreiber des Marktplatzes ausfindig zu machen.

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Wie die Sendung hr-iNFO-Netzwelt zeigt, wählte das Ermittlungs-Team einen ganz neuen, ungewöhnlichen Weg, um möglichst viele am Drogenhandel Beteiligte zu überführen. Denn anders als bei früheren Schlägen gegen Verkaufsplattformen im Darknet, entschied die Polizei sich, Hansa Market nicht zu schließen, sondern erst einmal heimlich selbst weiter zu betreiben.

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Zum Artikel Netzwelt: Hansa Market - wie Ermittler eine der größten Darknet-Handelsplattformen übernahmen

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Polizei betrieb Plattform weiter

Die Idee dahinter: Es war der Polizei zwar gelungen, die mutmaßlichen Betreiber der Infrastruktur des Marktplatzes zu schnappen. Aber sie wusste kaum etwas darüber, wer Hansa Market alles für Drogengeschäfte nutzt. Und das waren viele. Die Zahl der Händlerinnen und Händler lag bei weit über 1.000. Und als Käuferinnen und Käufer waren sogar mehrere Hunderttausend registriert.

Das Ermittlungs-Team habe unbedingt verhindern wollen, "dass die ganzen Käufer und Verkäufer zum nächsten Marktplatz gehen, und dass die eigentliche kriminelle Aktivität sich einfach verschiebt", sagt Philipp Amann, Leiter des Bereichs Strategie im European Cybercrime Center von Europol in Den Haag. Daher habe das Team die Plattform Hansa Market in einer nächtlichen Aktion auf einen Polizeiserver in den Niederlanden übertragen und dort eine Weile Händlerinnen und Händler, Kundinnen und Kunden bei ihren Straftaten überwacht.

Andere Rechtslage in den Niederlanden

In Deutschland wäre so etwas nicht erlaubt gewesen. Würde die Polizei hierzulande Strukturen für den Drogenhandel bereitstellen, würde sie sich selbst strafbar machen. Aber in den Niederlanden sieht die Rechtslage anders aus. Martijn Egberts, niederländischer Staatsanwalt für Cybercrime, beschreibt die Rechtslage so: "In den Niederlanden ist es Ermittlern rechtlich erlaubt, eine kriminelle Organisation zu infiltrieren. Und auch einen Verkaufsraum zu übernehmen. Und genauso haben wir argumentiert. Wir haben die Übernahme des Darknet-Marktplatzes verglichen mit der Übernahme eines klassischen Ladengeschäfts."

Der Plan ging auf. Einen Monat lang konnten die Niederländer heimlich bei Hansa Market mitlesen – und viele dort registrierte Personen identifizieren. Möglich war das aber nur, weil die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt die mutmaßlichen Betreiber der Plattform davon überzeugen konnte, dass es besser für sie sei, mit den Behörden zu kooperieren und ihre Zugangsdaten herauszugeben.

Vielzahl von Ermittlungsverfahren

Am 20. Juli 2017 wurde Hansa Market endgültig abgeschaltet. "Daraus ist eine Vielzahl von Ermittlungsverfahren entstanden in allen möglichen Ländern", sagt Oberstaatsanwalt Georg Ungefuk, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. "Es gab auch einige Verfahren, die in Hessen gelandet sind, und wo wir hessische Beschuldigte, hessische Tatverdächtige identifizieren konnten anhand von IP-Daten aus den verdeckten operativen Maßnahmen in den Niederlanden."

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 22.4.2021, 6 bis 9 Uhr

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