Kippa mit Davidstern auf Kopf
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Angriffe, Beschimpfungen, No-Go-Areas: Viele Juden in Deutschland äußern, dass das Klima sich für sie verschlechtert habe. Auch in Hessen zeigen sie sich besorgt. Was erleben und denken die Betroffenen?

Frankfurt, ein Fußballplatz: Die A-Jugend des jüdischen Sportvereins Makkabi spielt. Das Spiel endet mit einem Sieg und ohne Vorkommnisse. Das ist nicht immer so, erzählt der 18-jährige Simon Weiner. Sein Vater ist Jude. "Manchmal gibt es halt Kommentare von anderen Spielern. Das fängt an bei 'Du scheiß Jude' oder 'Geh mal wieder ins Konzentrationslager'", erzählt er.

Neben Simon steht sein Mitspieler Musa Aktürk. Auch er kennt solche Kommentare. Dabei ist er kein Jude, sondern Muslim, wie viele Spieler bei Makkabi. Dumme Beleidigungen schweißten das Team stärker zusammen. Musa wünscht sich aber mehr Konsequenzen für antisemitische Spieler. "Das stört uns natürlich. In der Kabine sprechen wir darüber und verstehen so Menschen gar nicht. Das trifft uns auch, auch mich als Muslim, weil man sowas nicht macht. Das geht nicht, bei Fußball und Sport erst recht nicht."

Für Alon Mayer, Präsident von Makkabi, sind Beleidigungen leider trauriger Alltag geworden. Beschimpfungen und Angriffe nähmen zu – auch, weil Flüchtlinge mit muslimisch-arabischem Hintergrund ihren Israelhass mit in den Alltag und auf den Sportplatz gebracht hätten. Das fange an bei "Du Judenschwein", "Ihr habt den Schiedsrichter bestochen", "Euch hat man vergessen zu vergasen", erzählt Mayer. Oder so Sätzen wie: "Ich bin gar nicht antisemitisch, ich hasse nur Juden bis aufs Äußerste" oder "Wenn es Hitler noch gegeben hätte, dann gäbe es euch gar nicht". So beginne es, bis es zu Handgreiflichkeiten und Messerattackem komme, sagt Mayer.

Immer weniger Juden "outen" sich im Alltag

Solche Beschimpfungen kennt auch Avichai Apel. Er ist Rabbi der Westendsynagoge. Seine Gemeinde zählt 7.000 Mitglieder. Apel und seine Familie haben selbst Antisemitismus erlebt, erzählt er. Zum Beispiel, wenn sie mit Kippa und Davidstern durch die Straßen zögen. Israel hassende Flüchtlinge, aber auch der Aufstieg rechter Bewegungen und der rechtspopulistischen AfD habe den Alltag für Juden schwerer gemacht. Wenn man Rabbi Apel nach Ängsten und Sorgen seiner Gemeindemitglieder fragt, muss er nicht lange nach Beispielen suchen. Einige würden ihn fragen, ob die Nachbarn wirklich wissen müssen, dass die Person jüdisch ist oder ob sie es auch verheimlichen dürften.

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Antisemitismusbeauftragter nimmt Arbeit auf

Der ehemalige Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth hat seine Arbeit als hessischer Antisemitismusbeauftragter aufgenommen. Mit dem Posten will die Regierung ein klares Zeichen gegen Hass und Hetze setzen. [mehr auf hessenschau.de]

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"Menschen lehnen ab, Post aus der jüdischen Gemeinde zu bekommen. Und wenn sie Post bekommen, dann soll nicht draufstehen, dass sie von der jüdischen Gemeinde kommt oder keine jüdischen Symbole enthalten", erzählt Apel. Dass man manchmal komisch angeschaut werde oder dass man das Gefühl habe, dass über einen gesprochen werde, das passiere täglich, sagt der Rabbi. "Es kann aber auch passieren, dass man ein Schimpfwort hört. Es gibt No-Go-Areas. Auch in Frankfurt gibt es bestimmte Ecken, wo jüdische Menschen sagen: Dort auf keinen Fall hingehen oder leben. Es ist vielleicht nur ein kleiner Bezirk, aber das gibt es überall", sagt Apel.

Rabbi Apel erlebt, dass immer weniger Juden sich im Alltag "outen" wollen. Dass sie traditionelle Symbole von Haustüren nach innen holten und ihren Kindern rieten, in der Schule nicht über ihren jüdischen Glauben zu reden. Berichte wie diese katapultierten das Problem in die Politik.

Absagen aus Angst vor Entgleisungen

Im Mai verkündete die schwarz-grüne Landesregierung, dass sie einen Antisemitismus-Beauftragten ernennen wolle. Die Wahl fiel auf den ehemaligen Frankfurter Kulturdezernenten Felix Semmelroth (CDU). Staatssekretär für Antidiskriminierung Kai Klose von den Grünen sagt, nach bundesweiten Vorfällen sei auch bei der hessischen Landesregierung die Sensibilität gestiegen. Einerseits hätten wir eine besondere historische Verantwortung gegenüber der jüdischen Gemeinschaft, sagt Klose. "Auf der anderen Seite erleben wir gerade in den letzten Monaten, dass Antisemitismus in einer Art und Weise wieder hoffähig wird, dass er über verbale Entgleisungen hinaus bis hin zu Bedrohungen und auch körperlicher Gewalt geht." In Hessen gebe es glücklicherweise noch keinen dramatischen Fall, sagt er. "Aber wir wollen von Anfang an zeigen, wehret den Anfängen, wir stehen gemeinsam dagegen", so der Staatssekretär.

Sich mit dem Zuständen abfinden, das will auch Makkabi-Präsident Alon Mayer nicht. Seit Jahren versucht er, im Sport und der Jugendarbeit gegen Antisemitismus zu kämpfen. Seine Lösung: Kennenlernen. Bei Makkabi machen Flüchtlinge Sport, sind ehrenamtlich Trainer. Vor brisanten Spielen versuchen Makkabi-Trainer und Spieler, schwierigen Vereinen Besuche abzustatten. Vor zwei Wochen sei ein Trainer zu ihm gekommen, der ein Spiel aus Angst absagen wollte. Daraufhin habe Mayer geantwortet: "Wenn wir so einen Zustand in Frankfurt erreicht haben, dann bin ich nicht mehr Präsident des Vereins. Ich baue hier Brücken!"

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Wie ist die Zunahme von Antisemitismus in Hessen und Deutschland?

Von Christoph Käppeler

Deutschlandweit

In diesem Jahr gab es laut Bundesregierung zehn Prozent mehr antisemitisch motivierte Straftaten als letztes Jahr. 350 der bisher festgestellten 400 Straftaten, waren auch in diesem Jahr, laut Bundesregierung, rechtsextremistisch motiviert. Religiös oder durch ausländische Ideologie motiviert waren nur insgesamt 21.

Laut einer Untersuchung des Londoner Pears Institute äußern etwa zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland  offen negative Einstellungen gegenüber Juden.

Auch wenn die meisten antisemitischen Straftaten laut Statistik von Rechtsextremisten kommen: Unter Juden in Deutschland herrsche ein zunehmendes Gefühl der Unsicherheit. Vor allem wegen Bedrohungen und Angriffen durch junge Muslime – wegen des Israel-Gaza-Konfliktes. 

Hessen

In Hessen wurden letztes Jahr 29 Fälle gemeldet, bei denen Schülerinnen und Schüler antisemitisch beschimpft wurden.

Berlin

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) registrierte für das vergangene Jahr in Berlin fast 950 antisemitische Vorfälle, 2016 waren es nur knapp 600.

Online

Eine Untersuchung der TU Berlin stellt fest: Die Anzahl der  antisemitischen  Online-Kommentare  hat sich innerhalb von zehn Jahren verdreifacht.

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Sendung: hr-iNFO, 13.8.18, 8.10 Uhr

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