Ärzte auf Krankenhaus-Flur

Weniger Zeit für Patienten, dafür immer mehr Arbeit am Computer: Ärzte klagen zunehmend über Zeitdruck und hohe Arbeitsbelastungen. Das kann gesundheitliche Folgen haben - für Patienten und für die Ärzte selbst.

Eigentlich sind sie da, um Menschen zu helfen. Doch den Ärzten selbst geht es nicht besonders gut, sagt Dr. Sylvie Vincent-Höper von der Universität Hamburg. Sie hat im Auftrag der Ärztegewerkschaft Marburger Bund die psychische Gesundheit von Ärztinnen und Ärzten an Kliniken untersucht.

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel "Ein Krankenhaus ist keine Wurstfabrik"

Ärzte während einer Entbindung.
Ende des Audiobeitrags

Ergebnis: "Die Ärzte sind eine Zielgruppe, die überdurchschnittlich hoch Burnout-gefährdet ist, eben aufgrund der vielfältigen Belastungen, die sie haben." Ein Drittel der Ärzte fühlt sich oft oder sehr oft ausgebrannt. Damit gehören sie zu den Berufsgruppen, die am meisten von Burnout bedroht sind. Das liegt auch an der hohen Arbeitsbelastung: Im Schnitt arbeiten Ärzte an Kliniken 50 Stunden in der Woche, deutlich mehr als vertraglich vereinbart.

Zu viele Aufgaben in zu kurzer Zeit

Für die Patienten bleibt aber trotz zahlreicher Überstunden zu wenig Zeit, meint Dr. Steffen König vom Marburger Bund. Beispiel Visite: Dort wollten Patienten beispielsweise nicht nur wissen, welches "Teil bei ihnen eingebaut wurde", sondern auch, wie sie damit klar kämen, wann sie wieder nach Hause kämen und so weiter. "Das sind alles wichtige Themen, für die man sich eigentlich Zeit nehmen müsste, für die wir aber objektiv keine Zeit haben", so König.

Zitat
„Es kann nicht sein, dass diejenigen, die andere Menschen heilen sollen, selbst immer kranker und gestresster werden.“ Zitat von Armin Ehl, Marburger Bund
Zitat Ende

Für ihn liegt es daran, dass Ärzte immer mehr Zeit vor dem Computer verbringen müssen – mit Abrechnungen und Dokumentationen. In der Studie geben zwei Drittel der Ärzte an, dass sie mehrmals pro Tag oder ständig unter Zeitdruck stehen. Dabei geht es nicht darum, medizinische Entscheidungen schnell treffen zu müssen, das sei Teil des Jobs, sondern zu viele Aufgaben in zu kurzer Zeit erledigen zu müssen.

Verminderte Qualität und Frust

Das habe Folgen, sagt Sylvie Vincent-Höper. Eine davon sei die "Reduktion der Qualität der Arbeit - dass man sich mit einem Ergebnis zufriedengibt, mit dem man sich sonst nicht zufriedengeben würde, dass man dann auch eine Bedrohung des Selbstwertes erlebt, weil man eigentlich auch einen höheren Anspruch hat und diesem nicht gerecht werden kann." Unzufriedenheit, Zeitdruck, fehlende Weiterbildungsmöglichkeiten und immer mehr Bürokratie: Das führt zu großem Frust bei den Ärzten. Mehr als die Hälfte gibt an, täglich frustriert zu sein, und das kann gesundheitliche Folgen haben – für die Ärzte selbst und die Patienten.

Der Marburger Bund fordert deshalb mehr Personal an den Kliniken, bessere Arbeitsbedingungen und eine geeignete Arbeitszeiterfassung. "Es kann nicht sein, dass diejenigen, die andere Menschen heilen sollen, selbst immer kranker und gestresster werden", sagt Armin Ehl, Hauptgeschäftsführer des Marburger Bundes. Man müsse sich "langsam Gedanken machen, dass wir Programme brauchen, die die Heiler heilen. Da sind wir an einem Punkt angekommen, der nicht geht."

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 4.2.2020, 15 bis 18 Uhr

Jetzt im Programm