Atomkraftgegner demonstrieren in Gorleben

Nach jahrelanger Suche werden mögliche Regionen für neue Atommüll-Endlager vorgestellt. Gorleben ist offenbar aus dem Rennen. Aktivisten in der Stadt befürchtet aber, dass sie weiter im Verfahren bleiben könnte, wenn die neue Endlagersuche scheitert. Ein Besuch.

Grauer Himmel, es ist kühl und regnerisch im Gorlebener Forst. Trotzdem protestieren – wie jeden Sonntag – Atomkraftgegner aus dem Wendland vor dem ehemaligen Erkundungs-Bergwerk in Gorleben. Fast zwanzig Menschen sind gekommen zum Sonntagsspaziergang um das Bergwerk und zum anschließenden Gorleben Gebet. "Ich würde meinen Sonntag auch gerne anders verbringen als immer hier aufzutauchen", sagt eine Frau. Sie wünscht sich, dass Gorleben rausfällt aus den möglichen Regionen für ein Endlager. "Aber so, wie es bisher gelaufen ist, fürchte und vermute ich, dass es noch im Rennen bleibt", ergänzt ein Mann.

Demonstranten in Gorleben

Davon gehen auch viele Menschen im Wendland aus. Auch Lüchow Dannenbergs Landrat Jürgen Schulz. Seit Jahrzehnten verfolgt er den Konflikt um Gorleben. "Nein, ich bin nicht gespannt. Weshalb sollte ich gespannt sein? Die einzige Spannung würde sich ja daraus ergeben, dass Gorleben nicht mehr auftaucht, das wäre für das Wendland die einzige Spannung", sagt er.

Viele potenzielle Standorte

Im ersten Auswahlschritt werden bundesweit Standorte benannt, wo große Salzvorkommen in der Erde lagern oder massive Ton- oder Granitformationen vorkommen. Gerade in Niedersachsen gibt es – nach Ansicht von Experten – viele potenzielle Standorte.

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Gorleben wird wohl kein Endlager

Gorleben ist bei der Endlagersuche wohl aus dem Rennen. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung habe den Standort nicht auf die Liste möglicher Standorte gesetzt, hieß es laut übereinstimmenden Medienberichten. [mehr auf tagesschau.de]

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"Hurra wird niemand rufen", sagt Landrat Schulz. Das sei ja die spannende Frage, ob es möglicherweise irgendwo eine Region in Deutschland geben würde, die tatsächlich sagt: Es ist ja toll, wir sind benannt, jetzt wollen wir das Beste daraus machen. "Das ist vielleicht die Erwartungshaltung, aber nach über 40 Jahren Groben kann ich das irgendwie nicht glauben. Von daher wird es sehr interessant: Wie werden die reagieren?", sagt er.

Nur 50 km Luftlinie entfernt – auf der anderen Elbuferseite im Nachbarlandkreis Lüneburg liegt der kleine Ort Sumte. Auch dort gibt es Salzvorkommen. In dem Ort leben rund 100 Menschen. Ortsvorsteherin Heidemarie Gaede steht auf der Dorfstraße, sie hat bereits mit ihren Freunden und Nachbarn gesprochen.

Endlich gibt es eine bundesweite Diskussion

"Viele sind aus allen Wolken gefallen, aber das muss ja auch irgendwo hin", sagt sie. Proteste im Vorfeld gibt es nicht. An den Häusern hängen – ganz im Gegensatz zu Gorleben – keine Fahnen mit der roten Anti-Atom-Sonne. Es ist ruhig.

"Es wird einen Aufschrei geben in vielen Regionen", meint Wolfgang Ehmke, Pressesprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz, die seit mehr als 40 Jahren gegen Gorleben protestiert. Endlich werde die Diskussion über den Atommüll bundesweit geführt, sagt Ehmke. "Bisher war es auf zwei Standorte reduziert, schwach- und mittelradioaktiver Müll im Schacht Konrad bei Salzgitter und hochradioaktiver Müll nur Gorleben. Und jetzt geht die Diskussion in die Breite, davon verspreche ich mehr sehr viel", sagt er.

Mängel in Gorleben

Es gehe den Atomkraftgegnern nicht darum, Gorleben aus Prinzip zu verhindern, so Ehmke. Er fordert ein transparentes und faires Auswahlverfahren. "So wie wir 40 Jahre behandelt wurden, dass man fast den Glauben verloren hat", sagt er. Die Mängel in Gorleben sind lange bekannt. Über dem Salzstock fehlt eine geschlossene Tonschicht, also ein dichtes Deckgebirge. Dann ist im Salz ein großer Riss, die Gorlebener Rinne, und unter dem Salz lagert Gas.

"Es gibt eine unglaubliche Datenfülle zu Gorleben – im Gegensatz zu anderen Standorten. Wir hoffen, dass wenn es alles durchdekliniert wird, dass dann unterm Strich klar wird, dass Gorleben jetzt wissenschaftsbasiert herausfliegt", sagt er. Der Atomkraftkraftgegner befürchtet aber auch, dass Gorleben weiter – als Rückhalt - im Verfahren bleiben könnte, wenn die neue Endlagersuche scheitert. Am kommenden Sonntag soll wieder in Gorleben protestiert werden.

Sendung: hr-iNFO, Aktualität, 28.9.20, 6-9 Uhr

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