Ein Schreiner-Azubi beim Hobeln
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Viele Betriebe suchen derzeit händeringend Nachwuchs für den Ausbildungsstart im August. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek hat 2019 zum "Jahr der Berufsbildung" erklärt. Leere Worthülsen oder hat die Ministerin einen Plan, um die berufliche Bildung zu stärken?

Elektrotechniker, Softwareentwickler, Maurer und Pflegefachkräfte: All das sind Berufe, bei denen es laut Bundesagentur für Arbeit einen Mangel an Fachkräften gibt. Und für die Betriebe wird es zunehmend schwieriger, Nachwuchs zu finden. Derzeit sind bundesweit mehr als 240.000 Ausbildungsstellen unbesetzt - ein Höchststand im Vergleich mit den vergangenen zehn Jahren. Die Zahl ist auch deshalb so hoch, weil im August beziehungsweise September das neue Ausbildungsjahr beginnt.

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Laut Arbeitsagentur setzt sich damit aber der Trend fort, dass immer mehr Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben. Aus dem Berufsbildungsbericht geht hervor, dass 2018 fast 60.000 Ausbildungsstellen nicht besetzt werden konnten. Die Zahl hat sich im Vergleich zu 2009 mehr als verdreifacht. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek hat deshalb Ende Juni einen Gesetzentwurf im Bundestag vorgelegt, um die berufliche Bildung zu stärken. "Denn die Unternehmen suchen dringend beruflich qualifizierte Arbeitskräfte", sagt Karliczek.

515 Euro Mindestausbildungsvergütung ab 2020

Die Ministerin will mit einer Mindestausbildungsvergütung gegensteuern. Ab 2020 soll jeder Azubi im ersten Lehrjahr mindestens 515 Euro brutto bekommen. Die tariflichen Ausbildungsvergütungen liegen in den meisten Berufen allerdings jetzt schon deutlich über 515 Euro. Profitieren würden vor allem Azubis in Ostdeutschland.

Laut einer aktuellen Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) verdienten 35,5 Prozent der Azubis im ersten Lehrjahr in Ostdeutschland im Jahr 2015 weniger als 515 Euro brutto, in Westdeutschland waren es 13,4 Prozent. Neuere Daten, die einen Vergleich der Vergütung im ersten Lehrjahr ziehen, gibt es nicht.

Mehr als zwei Millionen junge Erwachsene ohne Berufsabschluss

AfD und FDP sehen in der geplanten Mindestausbildungsvergütung einen Eingriff in die Tarifautonomie, der Betriebe in strukturschwachen Regionen finanziell überfordern könnte. 515 Euro seien viel zu wenig, kritisieren dagegen Grüne und Linke.

Die beiden Parteien bemängeln außerdem, dass junge Erwachsene, die keinen Abschluss schaffen, zu wenig gefördert würden. Zuletzt hatten mehr als zwei Millionen junge Erwachsene keinen Berufsabschluss. Die bildungspolitische Sprecherin der Linken, Birke Bull-Bischoff fordert "sehr viel mehr Assistenz für junge Leute, die benachteiligt sind".

Karliczek will Abschlüsse attraktiver machen

Karliczek setzt einen anderen Schwerpunkt. Sie will Berufsabschlüsse attraktiver machen. Deshalb soll es für die höhere berufliche Bildung neue Abschlussbezeichnungen geben. Ein Fachkaufmann könnte sich dann "Bachelor Professional“ nennen, ein Betriebswirt hätte einen "Master Professional". Aus Sicht der Ministerin ist das ein wichtiger Schritt, um die Gleichwertigkeit der dualen Ausbildung mit dem Studium zu signalisieren.

Der bildungspolitische Sprecher der FDP, Thomas Sattelberger spricht dagegen von einem "Etikettenschwindel". Er fordert stattdessen eine Exzellenzinitiative für die berufliche Bildung. Dazu gehören für den FDP-Politiker auch internationale Austauschprogramme. "Warum sollten unsere Meister und Techniker oder die begabten Facharbeiter nicht auch mal nach Tel Aviv gehen, oder nach Oslo oder nach Stockholm und ein paar Monate sehen, wie die Gründerszene tickt?", meint Sattelberger.

Immer mehr Berufsschulen machen dicht

Achim Dercks von der Deutschen Industrie- und Handelskammer sieht noch ein ganz grundlegendes Problem. Er kritisiert, dass besonders auf dem Land und in Ostdeutschland Berufsschulen zunehmend geschlossen würden. Tatsächlich geht die Zahl laut Statistischem Bundesamt seit Jahren zurück: Im Jahr 1992 waren es noch gut 1.800 Berufsschulen, zuletzt nur noch etwa 1.500.

Das hat weitreichende Folgen. "Viele Betriebe sagen eben, die Entfernung zur Berufsschule ist ein Problem. Wir finden keine Azubis, weil die den Weg zu weit finden", sagt Dercks von der DIHK. "Wenn die Berufsschule nicht mehr da ist, dann findet die Ausbildung auch nicht mehr statt." Dercks fordert, Berufsschulstandorte wo immer möglich zu erhalten - damit Betriebe Schulabgänger in der Region halten und leichter für eine Ausbildung begeistern können. Berufsschulen sind allerdings Ländersache. Hier hat die Bundesbildungsministerin keinen unmittelbaren Einfluss.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 29.7.2019, 6 bis 9 Uhr

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