Ludwig van Beethoven beim Komponieren der Messe "Missa solemnis"

Er stritt mit dem Fürsten, hatte den vollen Nachttopf unterm Flügel und liebte seine adeligen Schülerinnen: Schriftstellerin Christine Eichel hat sich auf Spurensuche nach dem Menschen hinter dem großen Komponisten begeben – und zeigt ein Bild, das bislang nur wenigen bekannt war.

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Christine Eichel ersetzt das Monument durch den Menschen Beethoven, der ein Rebell war, ein Sozialrevolutionär und ein Rockstar seiner Zeit. Beethoven, ein tief unglückliches Kind, hat früh begonnen zu fantasieren - heute nennen wir das improvisieren. "Ohne Regeln, sehr impulsiv, starke Kontraste, donnernde Läufe, dann wieder ganz, ganz leise, zarte Passagen", sagt Christine Eichel. "Und das ist auch zunehmend in seine Kompositionen eingeflossen. Dieses Regellose, was ja auch zur Genieästhetik passte, die damals aufkam."

Beethoven litt an den Konventionen seiner Zeit, als Musiker bei Hofe zum Gesinde zu gehören. Sein Mäzen, Fürst Lichnowsky, bat ihn einmal, für die Gäste des Adels in seinem Schloss zu spielen. Beethoven weigerte sich, der erzürnte Fürst begann ihn zu verprügeln, Beethoven floh in sein Zimmer, der Fürst brach die Tür auf, Beethoven hielt bereits ein Stuhlbein in der Hand, um zuzuschlagen, ein Gast warf sich dazwischen.

"Einen Beethoven gibt es nur einmal"

Christine Eichel beschreibt diese Szene so lebendig, als sei sie dabei gewesen. Nichts davon ist erfunden. "Ich habe ungefähr fünf Augenzeugenberichte gefunden in den alten Quellen und habe wie ein Profiler diese Geschichte zusammengesetzt", sagt sie. "Das eigentlich Interessante: Beethoven ist im Herzen längst Citoyen, Bürger, aber er fühlt sich noch behandelt als Leibeigener. Das ist natürlich eine ambivalente Rolle." Beethoven habe den Adel verurteilt - und sogar Fürst Lichnowsky geschrieben: "Was Sie sind, Fürst, sind Sie durch Zufall und Geburt, was ich bin, bin ich durch meine eigene Leistung. Fürsten wird es noch Tausende geben, einen Beethoven gibt es nur einmal".

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Beethovens Selbstvertrauen war hart erarbeitet. Seine Mutter überließ ihn komplett den Mägden, die das Kleinkind einfach auf die Straße setzten. Sein Vater in ständiger Geldnot setzte Hoffnungen in ihn. "Auch um seine eigene Zukunft zu sichern, auch finanziell, hat er seinen ältesten Sohn, Ludwig, gedrillt", erzählt die Autorin. "Er wollte ihn zum Wunderkind dressieren. Deshalb musste Ludwig schon mit vier Jahren auf einem kleinen Schemel stehen und Klavier spielen."

Ein Feuilletonist im Kölner Anzeiger schrieb einst: "Der kleine Beethoven steht am Klavier, spielt und weint". Es sei also auch den Zeitgenossen Erwähnungen wert gewesen, "dass dieses Kind schwer misshandelt und ausgebeutet wurde", sagt Eichel.

Keine Chance in der Liebe

Beethoven war ein unbehauster Mensch, 70 Mal ist er umgezogen. Vollkommen egal war ihm sein äußeres Erscheinungsbild. "Der Komponist Czerny war Schüler Beethovens. Als er seinen Lehrer zum ersten Mal sah, dachte er, Robinson Crusoe vor sich zu sehen", so Eichel. Beethoven habe einen zotteligen grauen Mantel getragen, das Haar zerzaust, mit wirrem Blick in einer völlig verwahrlosten Wohnung, den ungeleerten Nachttopf unter dem Flügel, Essensreste überall.

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„Man kann sich das nicht schmutzig und verwahrlost genug vorstellen, sowohl was Beethovens Äußeres anbelangt als auch seine Wohnung.“ Zitat von Christine Eichel, Autorin
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"Man kann sich das nicht schmutzig und verwahrlost genug vorstellen, sowohl was Beethovens Äußeres anbelangt als auch seine Wohnung", so die Autorin. Derart vernachlässigt, hatte der Komponist in der Liebe keine Chance: Beethoven liebte immer seine Schülerinnen aus dem Adel und wurde deshalb regelmäßig rausgeworfen.

Christine Eichels Biografie ist ein Meisterwerk, weil die Autorin ihre fundierten Kenntnisse als Musikwissenschaftlerin kombiniert mit einer fulminanten Lust am Erzählen. Sprachlich hinreißend, historisch spannend und bei aller Faktendichte dennoch höchst unterhaltsam ist 'Der empfindsame Titan' ein gelungener literarischer Auftakt des Beetoven-Jahres.

Sendung: hr-iNFO Aktuell: 13.12.19, 15-18 Uhr

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