Eine Frau hält ein kleines Mädchen an der Hand
Manche Experten sprechen schon von einem "Pflegeltern-Notstand". Bild © picture-alliance/dpa

Viele Kinder in Deutschland brauchen eine neue Familie. Aus ganz unterschiedlichen Gründen sind ihre leiblichen Eltern nicht in der Lage, ausreichend für sie zu sorgen. Doch Pflegefamilien sind rar gesät.

In Deutschland gibt es nicht genügend Pflegefamilien. Auch in Hessen warten viele Kinder darauf, in einer Pflegefamilie leben zu dürfen (siehe Grafik unten). Manche sprechen schon von einem "Pflegeeltern-Notstand". Die Kinder haben oft einiges hinter sich, wurden vernachlässigt, geschlagen oder sexuell misshandelt. Viele sind verhaltensauffällig, manchen fällt es schwer, neue Bindungen einzugehen. Auf die Pflegeeltern wartet also keine leichte Aufgabe.

Darüber hinaus müssen sie immer damit rechnen, dass das Pflegekind wieder in die Herkunftsfamilie zurück muss. Das ist gesetzlich geregelt und wird regelmäßig überprüft. Ein Schwebezustand für alle Beteiligten - auch wenn die Kinder in 97 Prozent der Fälle dauerhaft bei ihren Pflegefamilien bleiben. Der Versuch, das zu ändern durch eine Novelle des Kinder- und Jugendhilfegesetzes und eine Ergänzung im Familienrecht, ist letztes Jahr im Bundestag gescheitert.

Seit vielen Jahren wird in Deutschland darüber diskutiert, ob der Gesetzgeber die Herkunftsfamilien oder die Pflegefamilien stärken soll. Familienrechtler sprechen von einem Spagat zwischen Eltern und Kinderrecht. Wir erklären, welche Rechte und Pflichten auf Pflegefamilien zukommen.

Eine Grafik, wie viele Pflegefamilien in Kassel (10), Offenbach (10), Frankfurt (19) und Wiesbaden (20) fehlen.
Auch in Hessens Städten suchen Kinder eine Pflegefamilie. Die Zahl für Kassel beinhaltet sowohl die Stadt als auch den Landkreis. In Gießen werden "für viele Kinder Familien gesucht", so das Jugendamt. Zahlen wurden uns jedoch nicht genannt. In Limburg und Darmstadt gibt es keine Wartelisten. Bild © hr

Wie viele Kinder leben in Pflegefamilien?

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Die Zahlen für Wiesbaden

In der Stadt Wiesbaden gibt es insgesamt 194 Pflegeverhältnisse. Hinzu kommen 161 Familien, die zwar nicht in Wiesbaden wohnen, die aber Kinder aus der Stadt bei sich aufgenommen haben. 20 Kinder stehen auf der Warteliste für eine Dauerpflege.

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2016 lebten bundesweit knapp 90.000 Kinder zur Vollzeitpflege in anderen Familien. Etwas mehr als 140.000 Kinder lebten in Heimen oder sonstigen betreuten Wohnungen. Aktuell werden in Hessen laut Statistischem Landesamt knapp 5.000 Kinder von Pflegefamilien betreut.

Wer darf Kinder zur Pflege aufnehmen?

Grundsätzlich können verheiratete und nicht verheiratete Paare, egal welchen Geschlechts oder sexueller Orientierung, als auch Einzelpersonen, mit oder ohne eigene Kinder, Pflegepersonen werden. Wer Pflegeperson werden möchte, muss einen Pflegeelternkurs belegen, ein polizeiliches Führungszeugnis sowie einen Drogen- und einen Gesundheitstest vorlegen. Die Erfahrungen zeigen, dass es in der Regel günstig ist, wenn der Altersabstand zwischen Pflegepersonen und Pflegekind einem Eltern-Kind-Verhältnis entspricht. Außerdem sollte die Wohnung groß genug für ein Pflegekind sein. Ansprechpartner ist das Jugendamt.

Was genau leistet eine Pflegefamilie?

Eltern, die ein Pflegekind aufnehmen, sind voll für es verantwortlich – Tag und Nacht. Sie haben die Aufgabe, es zu pflegen, zu erziehen und eventuell in den Kindergarten oder die Schule zu schicken. Laut dem Kinder- und Jugendhilfegesetz ist Vollzeitpflege eine Form der Hilfe zur Erziehung außerhalb des Elternhauses.

Anders als bei einer Adoption haben die Kinder aber weiterhin Kontakt zu ihren leiblichen Eltern. Wie häufig diese Kontakte stattfinden ist von Jugendamt zu Jugendamt unterschiedlich geregelt. Dieser Besuchskontakt ist vom Gesetzgeber in der Regel vorgeschrieben und sollte regelmäßig mit Unterstützung des Jugendamtes stattfinden.

Pflegefamilien müssen immer damit rechnen, dass Behörden wie das Jugendamt regelmäßig vorbeischauen und sich einmischen. Etwa bei der Schulwahl oder komplizierten medizinischen Themen müssen die sorgeberechtigten Eltern gefragt werden. Wenn diesen das Sorgerecht entzogen wurde, muss der Amtsvormund des Jugendamtes gefragt werden.

Wie wird man vom Jugendamt betreut?

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"Eine herausfordernde, aber lohnende Aufgabe"

In ganz Deutschland fehlen Pflegefamilien, die Kinder aufnehmen, die aus ihren eigenen Familien herausgenommen werden. Wo liegt das Problem? Und was müsste geschehen, dass die Situation sich bessert? Darüber haben wir mit dem Familienrechtler Ludwig Salgo gesprochen.

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Pflegekinder werden von sozialpädagogischen Fachkräften der Jugendämter vermittelt. Diese führen schon vor der Vermittlung ausführliche Vorgespräche mit allen Beteiligten. Die Unterstützung bleibt während der gesamten Dauer des Pflegeverhältnisses bestehen. Im Laufe der Zeit kann die Beratung allerdings je nach Bedarf weniger intensiv werden. Kommt es zu Konflikten, ist es auch die Aufgabe der Fachkraft zu vermitteln. In Frankfurt ist derzeit eine Vollzeitstelle für 30 Familien zuständig. Viele Jugendämter bieten neben Einzelgesprächen auch Selbsthilfegruppen zum Austausch an.

Wie viel Geld gibt es?

Das Pflegegeld liegt bundesweit etwa bei 600 bis knapp 1.000 Euro und richtet sich nach dem Alter des Kindes. Die Beträge werden vom Sozialministerium festgelegt. Die Zahlen für Hessen decken sich hier in etwa. Sei Juli 2018 gibt es für die Vollzeitpflege eines Kindes von 0 bis 5 Jahren 762 Euro und von 6 bis 11 Jahren 832 Euro. Ist das Kind 12 Jahre oder älter gibt es 916 Euro im Monat. Hinzu kommt ein monatlicher Erziehungsbeitrag von 240 Euro. Zum Vergleich: Die Kosten für einen Heimaufenthalt liegen derzeit bei rund 4.000 bis 5.000 Euro pro Monat. Prinzipiell gilt: Das Pflegegeld wird den Pflegeeltern durch das Jugendamt ausgezahlt und ist steuerfrei.

Sendung: hr-iNFO, 17.08.2018, 16 Uhr

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