Der Täter Rick J. im Gerichtsaal.
Rick J., Täter im Mordfall Johanna Bohnacker, wurde im November 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt. Bild © hr

Ermittler können heute Fälle aufklären, die vor Jahren noch als unlösbar galten - nicht zuletzt dank neuer Techniken. Ein Beispiel ist der Fall Johanna Bohnacker, in dem der Mörder 18 Jahre nach der Tat ausfindig gemacht werden konnte.

All die vielen kleinen Bausteine wurden noch einmal geprüft, neu zusammengesetzt und erneut bewertet - der Inhalt aus 200 Aktenordnern. Mit einem Massenscanner werden alle Akten digitalisiert, das ermöglicht einen neuen Blick. Eine 30-köpfige Sonderkommission Johanna entsteht.

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Der Mordfall Johanna Bohnacker

Die damals achtjährige Johanna Bohnacker aus der Wetterau verschwand am 2. September 1999, sieben Monate später wurde ihre Leiche gefunden. Es dauerte 18 Jahre, bis ihr Mörder schließlich gefunden und verurteilt wurde. [mehr auf hessenschau.de]

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Roland Fritsch, damaliger Leiter der Kriminalpolizei in Friedberg, bittet drei Kollegen, sich alles nochmal anzuschauen. "Wenn Sie so wollen, einen unverstellten, neutralen Blick auf die Akten zu werfen. Das waren Kollegen, die vorher noch nie mit der Sache Johanna betraut waren", sagt Fritsch, der heute das Polizeipräsidium Mittelhessen in Friedberg leitet.

Neue Software und Beobachtungen von Passanten

Aber das reichte nicht. Es brauchte auch eine neue Technik, eine neue Software. Und die Polizei hat extra Räume angemietet, damit sich die Sonderkommission dorthin zurückziehen und ungestört nach Johannas Mörder suchen konnte. Dann kamen der Sommer 2016 und die Beobachtungen von Passanten: Sie sahen am Rande eines Maisfelds einen kleinen, kompakten Mann mit längeren Haaren und eine 14-Jährige und informierten die Polizei. Der Mann war Rick J..

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Cold Cases

Als "Cold Cases" bezeichnet man Ermittlungsverfahren, die über ein Jahr nicht aufgeklärt werden konnten.

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Die Polizei durchsuchte seine Wohnung, fand jede Menge Kinderpornos und Klebeband und wurde hellhörig. Der Gießener Staatsanwalt Thomas Hauburger hat dieses Klebeband vom Landeskriminalamt untersuchen lassen: "Dabei konnten Fasern aufgefunden werden und diese Fasern sind identisch mit dem Klebeband, was sich an dem Tatort Johanna Bohnacker befunden hat."

Ermittlungsdurchbruch dank digitaler Scan-Technik

Nächster Baustein: Die Beamten stellten fest, dass Rick J. 1999, als Johanna verschwand, einen VW Jetta fuhr. Zeugen hatten von einem Jetta am Tatort berichtet. Die Polizei observierte schließlich Rick J., befragte wieder Zeugen und ließ Spurengutachten erstellen. Am Ende war es die Spur 11, die zur entscheidenden wurde: ein Fingerspurenfragment. Auf dem Fetzen eines Klebebandstücks, das an Johannas Leiche gefunden wurde, konnten die Forensiker den winzigen Teil eines Fingerabdrucks sichern.

Mittlerweile hat sich die Technik der Spurensucher enorm weiterentwickelt: Wurden 1999 noch Fototechniken benutzt, können die Ermittler jetzt mit einem digitalen Scanner arbeiten, der aus dem Teil des Fingerabdrucks einen kompletten sichtbar macht - nach all den Jahren. Das aufgearbeitete Fragment wurde nochmal mit Rick J.s Fingerabdrücken verglichen. Und es stellt sich heraus: Der Abdruck seines linken Daumens passte zur Spur 11. "Das war für uns der Ermittlungsdurchbruch", sagt Staatsanwalt Hauburger. "Wir waren uns sicher, dass wir hier an der richtigen Stelle sind."

Die Polizei in Mittelhessen habe "in all den Jahren nie aufgegeben, nach dem Mörder von Johanna Bohnacker zu suchen", sagt der leitende Kriminaldirektor Fritsch. "Ein derart schreckliches Verbrechen lässt auch erfahrene Ermittler niemals ruhen und so war es auch in diesem Fall." Alte Beweise in neuen Zusammenhängen, weiterentwickelte Technik, neue Beobachtungen von Passanten und vor allem aufmerksame Ermittler einer neu zusammengesetzten Soko haben zum Erfolg im Mordfall Johanna Bohnacker geführt.

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Gelöste Cold Cases

Neue Techniken, hartnäckige Ermittler, Puzzle-Arbeit: Der Fall Johanna Bohnacker ist nicht der einzige, den Ermittler Jahre nach der Tat aufklären konnten. Hier einige Beispiele.

Von Anna Vogel

Der Fall Nicole Denise Schalla
Ein Busfahrer ist der letzte Zeuge, der Nicole-Denise Schalla 1993 in Dortmund lebend gesehen hat. Es ist schon dunkel, als sie sich von ihm verabschiedet und aussteigt. Der Täter wird sie kurz darauf töten, sich befriedigen und die 16-Jährige in einem Gebüsch zurücklassen. Die ganze Nacht hindurch regnet es. Als die Polizei am Tatort eintrifft, sind alle Spuren weggespült. 25 Jahre lang bleibt der Fall ungelöst. Im Jahr 2018 dann die Wende. Der MDR berichtet im Dezember: "Es war eine winzige kleine Hautschuppe, die dazu führte, dass der Mordfall Nicole jetzt vielleicht doch noch aufgeklärt werden kann. Jetzt muss sich der Täter vor Gericht verantworten." Eine neue Methode - der sogenannte Einzelschuppennachweis - liefert eine DNA-Spur. Der Abgleich mit der Datenbank der Polizei ergibt einen Treffer. Damit konfrontiert der Dortmunder Kommissar Uwe Block, den mutmaßlichen Täter. Aktuell läuft eine Verhandlung gegen ihn am Dortmunder Landgericht.

Der Fall Stephanie Drews
Im Jahr 1991 spricht ein Unbekannter die zehnjährig Stephanie Drews in einem Weimarer Park an, wo sie mit Freunden spielt. Sie begleitet ihn. Zwei Tage später liegt ihre Leiche unter der Teufelstalbrücke – sie ist missbraucht worden. Das Landgericht Gera verurteilt den Täter erst 2018 - 27 Jahre später - zu lebenslanger Haft. Der Schlüssel zum Erfolg: Fleißarbeit, erklärt Thomas Quittenbaum von der Landespolizeiispektion Jena der Presse. "Wir haben jegliches damals gefertigtes Papier mit einem Riesenaufwand in das jetzige elektronische System eingegeben. Insgesamt war es eine Puzzlesteinarbeit, wie ich sie noch nie erlebt habe." Die Ermittler tragen alle Details von drei Kindermorden Anfang der 90er Jahre in einer digitalen Datenbank zusammen. Dadurch werden sie auf den Täter aufmerksam. Sie gehen seiner Spur nach und können ihn am Schluss zumindest eines Mordes überführen – den an Stephanie.

Der Fall Beata Sienknecht
"Guten Tag. Mein Name ist Steeven Baak. Ich bin Leiter der Ermittlungsgruppe 163 Cold Cases im LKA Hamburg." Über Facebook sucht die Hamburger Polizei Hinweise zur vermissten Beata Sienknecht. Seit 1981 fehlt von der dreifachen Mutter jede Spur. Der Aufruf über die Sozialen Medien hat Erfolg: Eine Facebook-Nutzerin liefert den entscheidenden Hinweis über einen Mann in der Nachbarschaft. Der Mörder kann gefunden werden und gesteht das Verbrechen. Nur die Leiche bleibt bis heute verschwunden.

Der Fall Anne D.
1997: In einem Einfamilienhaus im hessischen Lorch liegt die 32-jährige Anne D. ertrunken in der Badewanne. Die Umstände sprechen für ein Verbrechen, unter Verdacht stehen der Ehemann und seine Geliebte – doch die Beweise fehlen. Die Wende kommt im März 2018, mehr als zwei Jahrzehnte später: Durch neue, verfeinerte DNA-Analysen finden Experten Spuren der Tatverdächtigen an der Toten. Einer dieser Experten ist Harald Schneider, der Leiter der DNA-Analytik des Landeskriminalamts: "Sie brauchten 1997 DNA-Spuren in Form von Speichel oder Spermas in der Größe eines Centstücks. Und heute sind die Spuren so klein, dass sie sie selbst auf dem Centstück nicht mehr erkennen würden." Noch sitzt das tatverdächtige Paar in Untersuchungshaft. Das Verfahren soll laut der Staatsanwaltschaft Wiesbaden Mitte Januar beginnen."

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Sendung: hr-iNFO, 3.1.2019, 16:10 Uhr

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