Viele Menschen spazieren durch die Fußgängerzone einer Innenstadt

Das Impftempo hochhalten, die Impfmoral ankurbeln, Kinder impfen: Es wird viel diskutiert über den schnellsten und besten Weg zur Herdenimmunität. Doch war die bei anderen Seuchen überhaupt schon einmal der Ausweg aus der Krise?

Für einen Herdenschutz sind die Masern ein wirklich harter Brocken. Das Masern-Virus ist mit das ansteckendste Virus, das wir kennen. "Da genügt es auch, wenn man sich im gleichen Raum aufgehalten hat, den der Infizierte schon lange verlassen hat", sagt der Virologe. Friedemann Weber von der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Ein Infizierter kann, wenn niemand geschützt oder immun ist, bis zu 18 andere Menschen anstecken. Basisreproduktionszahl: 18.

 Masern, Windpocken, Delta...

Und je höher die Basisreproduktionszahl ist, je ansteckender ein Virus ist, desto größer muss auch der Herdenschutz sein, also der Prozentsatz an Menschen, bei denen das Virus nichts ausrichten kann. "Bei den Masern braucht man über 95 Prozent Immune für eine Herdenimmunität, und das ist sehr hart zu erreichen und zum Beispiel in Deutschland kommen wir leider nicht auf die erforderlichen Impfquoten bei den Masern", so Weber.

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Mehrere FFP2 Masken liegen nebeneinander.
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Wenn man über ansteckende Viren redet, kommt man aber auch relativ schnell bei Corona. Genauer: bei der Delta-Variante. "An zweiter Stelle kommen die Windpocken, die, wie der Name schon sagt, hochansteckend sind, da liegt die Basisreproduktionszahl bei 10, das ist auch schon ordentlich. Und wenn wir jetzt ein bisschen weiter runter gehen, dann landen wir schon bei der Delta-Variante, die hat mittlerweile ein Basisreproduktionszahl von 6." Die Herdenimmunität für Delta: um die 85 Prozent.

Die Pocken wurden ausgerottet

Aber wie sind solche Werte überhaupt zu erreichen? Der Medizinhistoriker Robert Jütte verweist auf die Bekämpfung der Pocken. Über 100 Jahre hat man versucht, diese in Europa einzugrenzen, den Durchbruch brachte erst eine weltweite Pockenimpfkampagne in den 1970er-Jahren.

"Insgesamt wird man sagen müssen, dass die Pockenschutzimpfung mit dazu beigetragen hat, dass wir seit 1980 nach der Deklaration der Weltgesundheitsorganisation pockenfrei sind und das haben wir für keine andere Krankheit geschafft", so Jütte. Hier wurde nicht nur eine Herdenimmunität erreicht, die Krankheit wurde ausgerottet.

Bei Polio, also der Kinderlähmung, ist man zumindest auf dem Weg. Bei Pocken und Polio ist der Mensch aber auch der einzige Wirt, sagt Virologe Weber. "Anders ist es bei sogenannten Zoonosen, die immer wieder aus dem Tierreich auf uns überspringen oder dort ein Reservoir haben, die wird man nicht schaffen, durch Impfkampagnen allein auszurotten."

Welche Maßnahmen bleiben dauerhaft?

Auch das Influenza-Virus, das für die spanische Grippe verantwortlich war und Millionen Menschen das Leben gekostet hat, war genauso wie Sars-CoV-2 eine Zoonose und sie ist auch nicht einfach verschwunden, sagt Weber. Heutige Grippestämme sind zum großen Teil Abkömmlinge der Spanischen Grippe, das könne man noch an den Virussequenzen sehen. "Die spanische Grippe ist deswegen in den 20er Jahren zu Ende gegangen, weil sich der Erreger leicht verändert hat und eine gewisse Immunität in der Bevölkerung erreicht worden ist", erklärt Jütte.

Der Medizinhistoriker hat die Geschichte der Seuchen eingehend wissenschaftlich studiert. Eine Herdenimmunität sei nur schwer zu erreichen. "Wir können es anstreben, wir sollten es auch, und alles was über 50 oder 60 Prozent ist, ist sehr gut. Aber es wird, und das ist es, was die Seuchengeschichte ja nun eindeutig zeigt, nichts daran vorbeiführen, dass wir neben den gelegentlichen Lockdowns, aber auch die Abstands- und Hygieneregeln, Masken und so weiter haben müssen", so Jütte.

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