Eine Impfung gegen das Coronavirus wird verabreicht. (dpa)

In Deutschland steigt die Zahl derer, die sich gegen das Coronavirus impfen lassen, nur noch langsam: Aktuell sind rund 62 Prozent vollständig geimpft, nur gut zehn Prozentpunkte mehr als vor einem Monat. In Spanien geht es deutlich schneller voran. Was läuft dort anders?

Amelie zeigt das berühmte Pflaster am Oberarm, als sie aus einem Impfzentrum in Madrid kommt. Für die 15-Jährige heißt es jetzt: „pauta completa“, sie ist nun vollständig geimpft. "Ich fühl‘ mich gut. Bald kann ich mich wieder entspannt mit meinen Freundinnen treffen oder auf eine Party gehen", sagt sie. Amelie hat sich ohne Termin impfen lassen. Das ist allein in Madrid inzwischen in zwölf Impfzentren möglich, in zweien sogar 24 Stunden am Tag.

Niemand musste sich selbstständig um Impfung kümmern

Bis vor kurzem war noch streng geregelt, wer in Spanien wann geimpft wird: zuerst die Älteren, dann die Jüngeren, Ausnahmen gab es nur wenige. Die Termine wurden zentral vergeben – per Anruf oder SMS mit knappem Vorlauf von ein oder zwei Tagen. Niemand musste sich selbstständig um die Corona-Impfung bemühen. 

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Impfquote in Spanien

74,7 Prozent der Spanier sind derzeit vollständig gegen das Coronavirus geimpft (Stand 11.9.). Damit steht das Land im internationalen Vergleich weit vorne.

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Das sei eine gute Strategie der Regierung gewesen, sagt der Madrider Soziologe Josep Lobera, der gerade eine Studie zum Fortschritt der Impfkampagne in Spanien erarbeitet hat: "Die Menschen haben einfach den Erfolg dieses vergleichsweise strengen Verfahrens miterlebt: Gleichaltrige Freunde oder Nachbarn bekamen etwa zur gleichen Zeit einen Termin, ließen sich impfen, da wollte kaum jemand außen vorbleiben. Viele fühlten auch eine gesellschaftliche Verantwortung.“

Familie hat hohen Stellenwert

Dazu kommt, dass in Spanien die Familie einen hohen Stellenwert hat. Man verbringt viel Zeit miteinander, Jüngere hätten sich in der Pflicht gesehen, sich impfen zu lassen, um eine geringere Gefahr für ältere Familienmitglieder zu sein, sagt der Soziologieprofessor.

Häufiger als in anderen europäischen Ländern studieren junge Menschen in Spanien in ihrer Heimatstadt, sie leben noch lange Zeit bei ihren Eltern. Auch wenn sie später arbeiten, ziehen sie eher selten in andere Städte. "Das heißt, sie sehen die Eltern und Großeltern auch deshalb öfter als junge Menschen in anderen Ländern, wo die Familie auch eine wichtige Rolle spielt, man aber nicht unbedingt in der Nähe oder sogar im selben Haus mit ihr lebt."

Kaum Impfgegner

Ein weiterer Faktor: die Impfkultur in Spanien. Ende der 1970er Jahre hat das Land eine Polio-Epidemie dank Impfungen besiegt, erinnert Soziologe Lobera. Es war die Zeit, als in anderen europäischen Ländern impfskeptische Bewegungen aufkamen. In Spanien konnten sie nicht fußfassen – stattdessen erlangte das staatliche Gesundheitssystem ein hohes Ansehen in der Bevölkerung. Spanische Kinderärzte berichten, dass so gut wie keine Eltern die Schutzimpfungen für Kleinkinder in Frage stellten. Und so lehnen nach offiziellen Zahlen nur etwa sechs Prozent der Spanierinnen und Spanier die aktuelle Corona-Impfung ab.

"70 Prozent der Menschen sind nun vollständig geimpft. Das macht uns zu 100 Prozent stolz und zu 100 Prozent überzeugt davon, dass wir den Kampf gegen das Virus gewinnen", so Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez diese Woche. Man müsse aber weiter impfen. "Nach den 70 Prozent sollten die 80 und vielleicht auch die 90 Prozent folgen. Je näher wir den 100 Prozent kommen, umso stärker schützen wir unser Land, unsere Freunde und Familie und sorgen dafür, dass es wirtschaftlich wieder bergauf geht.“

Auch die 15-jährige Amelie will die Normalität zurück, erzählt sie, und hat sich auch deshalb impfen lassen. Sie wolle wieder ausgehen und das Leben genießen – mit weniger Risiko für sie selbst und die anderen Menschen. 

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