Atommüll-Fässer werden im Salzbergwerk Asse abgeladen
Atommüll-Fässer werden im Salzbergwerk Asse abgeladen Bild © picture-alliance/dpa

Bis 2022 soll das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet werden. Aber wohin mit dem Atommüll? Bis 2031 soll ein Endlager gefunden werden. Die Suche gestaltet sich zäh, aber die Zeit drängt, wie ein Besuch im Lager Asse zeigt.

Abwärts geht es mit dem Fahrkorb – rasend schnell. Es hat schon was von „Reise zum Mittelpunkt der Erde“, der starke Luftzug lässt die Haare im Wind wehen. Es geht durch Aufzüge, Schächte und Stollen. Nach einer knappen Minute sind wir unten.

Förderturm Asse
Ein Förderturm der Asse Bild © hr

Willkommen in der Asse. Vielleicht dem Symbol für das Scheitern von Atommüll-Lagerung in Deutschland schlechthin. Verschlossen hinter dicken Betonwänden lagern die berühmten gelben Fässer, 126.000 Stück, voll mit schwach- und mittel-radioaktiven Abfällen, das meiste aus Kraftwerken und Kernforschung. Filter, Flüssigkeiten, Schrott.

Asse
Pressetour in der Asse Bild © hr

Alles zusammen ergibt das zwar nur 0,5 Prozent der Strahlung eines einzigen Castor-Behälters, sagen die Betreiber. Trotzdem ist der Ort dafür ungeeignet. "Die Schachtanlage Asse ist ein altes Bergwerk, was gebaut wurde, um Salz zu produzieren", sagt Manuel Wilmanns von der Asse-Infostelle. "Und der Fehler, der gemacht wurde, ist dass in dieses alte Salzbergwerk radioaktive Abfälle eingebracht worden sind. Denn weil hier jahrzehntelang Salz abgebaut wurde, gibt es Hohlräume ohne Ende, zum Teil mehr als hundert Jahre alt. Hoher Durchbauungsgrad heißt das bei den Fachleuten. Der Laie würde sagen: die Asse gleicht einem Schweizer Käse.

Asse
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Der ganze Berg ist instabil. Und das führt zu einem weiteren Problem: Die Asse ist undicht. Durch lange Risse dringt Grundwasser ein. Nicht ein paar kleine Rinnsale. Mehr als 12.000 Liter jeden Tag. Die Befürchtung: das ganze Bergwerk könnte absaufen, das Wasser radioaktive Stoffe aus den Fässern lösen. In geringem Umfang passiert das heute schon.

Asse als schlechtes Beispiel

Bevor es schlimmer wird, soll alles raus. Wann genau und wohin der Müll soll: offen. Vorgesehen war das nie. Vorbilder wie sowas geht, gibt es keine. Die Planung für die sogenannte Rückholung läuft seit fünf Jahren. Denn aus heutiger Perspektive erfüllt die Asse keines der Kriterien für ein Endlager. Die Fässer zurückzuholen, ist mühsam und dauert lange.

Christoph Scheld in der Asse
hr-iNFO-Korrespondent Christoph Scheld in der Asse Bild © hr

Eines der Probleme: Am Ende der Einlagerungszeit in den 70er Jahren wurden die berühmten gelben Fässer nicht ordentlich aufgereiht. Sondern regelrecht in die Kammern gekippt. Protokollierung: lückenhaft, sagt Manuel Wilmanns. Die Rückholung ist also eine Gleichung mit mehreren Unbekannten – und die Asse ein Beispiel, wie man es nicht macht mit der Endlagerung von strahlendem Müll.

Asse
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Ein Endlager fehlt bislang

Fukushima hat alles verändert. Deutschland macht Schluss mit der Stromerzeugung aus Atomkraft. Voraussichtlich 2022 soll das letzte Kernkraftwerk vom Netz gehen, das ist beschlossene Sache. Aber wohin mit den strahlenden Abfällen? Bislang hat Deutschland kein eigenes Endlager für hoch radioaktiven Müll. Bundestag und Bundesrat haben vor einem Jahr den Startschuss für die Suche gegeben.

Der Startschuss heißt "Standortauswahlgesetz". Es regelt den Prozess, wie nach einem Standort gesucht wird. Noch 13 Jahre lang ist dafür Zeit. Das klingt lang, ist aber eine ziemlich kurze Zeit. 2031 soll die Entscheidung für einen Standort fallen. Jetzt wird aufwändig erkundet. Es gilt das Prinzip der "weißen Landkarte". In jedem Flecken Deutschlands wird gesucht, es soll keine Tabus geben. Dafür aber festgelegte Kriterien.

Ursula Heinen-Esser
Ursula Heinen-Esser mit Christoph Scheld Bild © hr

Ursula Heinen-Esser ist sozusagen der Standort-Scout. Die 52-jährige Rheinländerin ist Geschäftsführererin der Bundesgesellschaft für Endlagerung. Eine Gesellschaft, die extra für den Zweck der Standortsuche gegründet wurde. "Ein Endlager darf auf gar keinen Fall in einer Region sein, die erdbebengefährdet ist, in der es vulkanische Aktivitäten geben könnte", erklärt Heinen-Esser und denkt an die Eifel. "Oder in der früher viele Bergbohrungen stattgefunden haben, wenn Sie beispielsweise an das Ruhrgebiet oder das Saarland denken, wo großer Bergbau war. Das sind Regionen, die ausgeschlossen sind. Und diese Regionen gilt es im Moment, sehr genau zu identifizieren.“

Vorausplanung für eine Million Jahre

Und das geschieht am grünen Tisch. Karten und geologische Daten werden ausgewertet – leider liegen die oftmals noch analog vor. Und Heinen-Esser und ihr Team sind auf die Mithilfe der Landesbehörden angewiesen. In der nächsten Phase sollen Mindeststandards definiert werden. Ton, Steinsalz oder Granit gelten als gutes Umfeld für ein sicheres Lager. Etwa 500 bis 1000 Meter Tiefe wären wohl sinnvoll.

Alles mit dem Ziel, den strahlenden Müll für eine Million Jahre sicher zu verwahren. So lange dauert es, bis er für den Menschen nicht mehr gefährlich ist. Dann wir an der Oberfläche erkundet, Probebohrungen gemacht. Und in Phase 3 auch unter Tage erkunden. An mehreren möglichen Standorten könnten dann kleine, neue Bergwerke aufgefahren werden.

Suche soll transparent sein

Wichtig im ganzen Prozess: die Bürgerinnen und Bürger sollen beteiligt werden, transparent und offen soll die Suche vorangehen. „Jeder muss die Möglichkeit haben, sich mit diesem Prozess zu beschäftigen und auch Daten einzusehen“, sagt Ursula Heinen-Esser. An jeder Stelle des Verfahrens ist Bürgerbeteiligung vorgesehen. Kommunikative Desaster wie in der Vergangenheit will man unbedingt vermeiden.

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Zum Artikel Deutschland sucht das Super-Endlager - ein schwieriger Prozess hat begonnen

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Der ambitionierte Plan: 2031 sollen Bundestag und Bundesrat einen Standort für ein Endlager beschließen. Im besten Fall könnten 2050 die ersten Fässer mit hoch radioaktivem Müll eingelagert werden.

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Sendung: hr-iNFO, 29.3.2018, 6 Uhr

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