Kleriker werfen einen Schatten an die Wand mit Jesuskreuz
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Zwei Monate ist es her, dass die katholische Kirche eine Studie zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker vorstellte und Konsequenzen formulierte. Was ist seither geschehen?

Noch sind es Absichtserklärungen: Den Fahrplan zur Umsetzung des Sieben-Punkte Programms vom September will die Deutsche Bischofskonferenz am Dienstag beim Treffen der 27 leitenden Bischöfe des sogenannten "Ständigen Rates" verabschieden. Dass die Kirche nicht die Kraft hat, sich ganz allein aus dem Sumpf zu ziehen, spüren auch die Bischöfe. Wie genau Betroffene und externe Fachleute nun in die Aufarbeitung einbezogen werden sollen, ist noch offen. Dass das unabdingbar ist, betont die Frankfurter Caritas-Direktorin Gaby Hagmans: "Da braucht es wirklich eine gute Kontrolle und einen Druck von außen, damit wir die Veränderungen auch wirklich verwirklichen", so Hagmans.

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Spannend wird sein, ob die Bischöfe wie angekündigt auch ein übergeordnetes Kontrollgremium einführen, dass dafür sorgen soll, dass tatsächlich alle Bistümer in Sachen Prävention und Aufarbeitung mitziehen. Jeder Eindruck, dass die Bischöfe dabei auf Zeit spielen, wäre schädlich, meint die Frankfurter Caritas-Direktorin. Der große Teil seien engagierte Laien, die sagen, dass sich jetzt etwas ändern müsse. Und das sehe sie auch so: "Dass jetzt wirklich spürbare strukturelle Veränderungen vorgenommen werden müssen, die auch ein paar Kernfragen der Kirche betreffen."

"Uns stürzt das Vertrauen ein"

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zum Artikel Missbrauch in der Kirche: "Die staatlichen Instanzen müssen ihre Scheu ablegen"

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Kurzfristig anberaumte Mitarbeiterversammlungen wie im Bistum Limburg am vergangenen Freitag zeigen, welche Erschütterungen die Missbrauchsstudie innerkirchlich ausgelöst hat. Die Taten und dann die nachträgliche Vertuschung durch den Kirchenapparat machen fassungslos. Zwei jüngere Bischöfe haben das Unerhörte gewagt und Vertuscher unter ihren Vorgängern offen beim Namen genannt. So hat Freiburgs Erzbischof Burger seinen noch lebenden Vorgänger Zollitsch Fehler vorgeworfen. Hildesheims Bischof Wilmer sprach vom Versagen seines verstorbenen Vorgängers Homeyer. Als kirchenspezifischen Risikofaktoren für den Missbrauch hatten die Wissenschaftler in ihrer Studie das geschlossene Machtsystem, den Klerikalismus und nicht zuletzt Sexualmoral und Zölibat klar identifiziert.

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Zu diesen Kernfragen wollen die Bischöfe einen "transparenten Gesprächsprozess" einleiten. Aber bisher ist es unter den leitenden Geistlichen höheren Ranges nur der Frankfurter Stadtdekan zu Eltz, der konkret jene Schritte gefordert hat, die für viele auf der Hand zu liegen scheinen: Frauen in kirchliche Ämter, Freiwilligstellung des Zölibats. "Uns stürtzt das Vertrauen ein, nicht nur einer kritischen Öffentlichkeit, sondern auch der eigenen Leute, der Gläubigen. Der Zölibat ist nicht Schuld an allem, aber ihn freizustellen und Diversität zuzulassen, das würde gute Voraussetzungen schaffen", so Eltz.

Das Thema wachhalten

Derweil erreichte die Erschütterung durch das Thema auch die Synode der Evangelische Kirche in Deutschland. Obwohl viel weniger Taten aktenkundig sind, ist auch hier klar, dass die 479 bekannten Fälle nur die Spitze des Eisbergs sein könnten. Eine sogenannte Dunkelfeldanalyse soll das klären helfen. Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs ist EKD-Missbrauchsbeauftragte. "Wir haben uns gegenüber Menschen, die sich uns anvertraut haben, schuldig gemacht, auch als Institution. Weil wir ihnen den Schutz nicht gewährten, den sie dringend brauchten, früher und später auch", so Fehrs.

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Nun will die EKD ihrerseits handeln. Unabhängige Kommissionen sollen über die finanziellen Anerkennungsleistungen für Opfer entscheiden, darüber hinaus soll nach katholischem Muster eine Studie die speziell bei der evangelischen Kirche wirksamen, systemisch bedingten Risiken für Missbrauch analysieren.

Erstmals hat die katholische Kirche am vergangenen Sonntag ihrerseits bundesweit der Opfer sexuellen Missbrauchs gedacht. Der nun jährlich stattfindende Gedenktag soll ebenfalls das Thema wachhalten und einen Stachel im Fleisch darstellen.

Sendung: hr-iNFO, 20.11.2018, 6.40 Uhr

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