Ein Güterzug fährt durch Rüdesheim am Rhein

Seit Jahren will die Bundesregierung mehr Güter auf die Schiene bringen. Das würde Umwelt und Straßen entlasten. Geschafft hat sie es bislang nicht: Nur knapp ein Fünftel des gesamten Gütertransports entfällt auf die Bahn. Wo hakt es?

"Güter gehören auf die Bahn": Dieser Satz prangte schon auf Werbe-Aufklebern in den 80er Jahren. Brummi-Fahrer hatten diesen Sticker gewiss eher selten auf ihre Fahrzeuge geheftet, doch wirklich Sorgen machen müssen sich die Lkw-Speditionen auch heute noch nicht. Betrachtet man den Gesamtmix des Gütertransports in Deutschland, sind die Laster weit vorne: Ihr Marktanteil liegt bei 72 Prozent, der der Bahn seit Jahren mehr oder weniger gleichbleibend nur bei 19 Prozent.

Bundesregierung will gegensteuern

"Alles in allem ist das ein Drama", sagt Matthias Gastel, Bahnexperte der Grünen. "Wenn wir Klimaschutzziele erreichen wollen, wenn wir Autobahnen und Straßen entlasten wollen, dann müssen wir auf die Schiene setzen." Dass es Probleme gibt, insbesondere bei der in tiefroten Zahlen steckenden Bahntochter DB Cargo, leugnet man auch im Bundesverkehrsministerium nicht.

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Der Güterzug bei Fulda
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Aber man steuere ja gegen, sagt der Parlamentarische Staatssekretär Enak Ferlemann im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio. Man wolle den Bahnanteil am Gesamtgüterverkehr bis 2030 auf 25 Prozent steigern. Und auch bei den Großunternehmen gebe es einen Bewusstseinswandel zu Gunsten der Schiene: "Es werden immer mehr Unternehmen überlegen, im Zuge der 'Green Logistics' - also sauberer Transportwege - auf die Schiene zu gehen", so Ferlemann. "Wir haben dazu einen 'Masterplan Schienengüterverkehr' aufgelegt, der mit der Branche abgestimmt ist."

Kritiker bleiben skeptisch

Mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen will die Bundesregierung also nach eigenem Bekunden die Güterverlagerung auf die Schiene fördern. Doch Kritiker bleiben skeptisch - Masterplan hin oder her. Dieses Versprechen haben wir schon zu oft gehört, so der Tenor. Eines der Hauptprobleme ist unbestritten: Seit Mitte der 90er Jahre hat die Bahn über 6.000 Trassen-Kilometer stillgelegt. Wie also will man einer Firma einimpfen, dass Güter auf die Bahn gehören, wenn sie auf diesem Weg beim Kunden gar nicht ankommen?

Zitat
„Es ist erschreckend zu hören, dass es Unternehmen gibt, die den beauftragten Logistikunternehmen ausdrücklich untersagen, ihre Güter auf dem Schienenweg zu transportieren, weil sie nicht sicher sein können, wann die ankommen.“ Zitat von Matthias Gastel, Bahnexperte der Grünen
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Es sei erschreckend zu hören, "dass es Unternehmen gibt, die den beauftragten Logistikunternehmen ausdrücklich untersagen, ihre Güter auf dem Schienenweg zu transportieren, weil sie nicht sicher sein können, wann die ankommen", sagt Matthias Gastel von den Grünen. Das sei die Folge "jahrzehntelanger, verfehlter Verkehrspolitik, die einseitig auf die Straße gesetzt hat."

Forderung nach "echtem Umsteuern"

Gastel fordert, dass für ein echtes Umsteuern der Autobahnausbau gestoppt und der Lkw-Transport teurer gestaltet werden müsste. Staatssekretär Ferlemann hält dagegen: Das habe man bereits getan. Mit der Lkw-Maut und deren Ausweitung auch auf Landstraßen sei das längst geschehen.

Ferlemann sieht die Vorteile der Bahn eher auf der im Wortsinn langen Strecke, also beim Transport von Gütern quer durch Europa. Doch auch hier gibt es – trotz offener Grenzen innerhalb der EU - Hindernisse: "Da haben wir es mit unterschiedlichen Stromsystemen zu tun, mit unterschiedlichen Spurweiten, mit unterschiedlichen Anforderungen an die Lokführer. Das heißt, während wir es auf der Straße sehr international haben, haben wir es bei der Schiene mit einer sehr nationalen Politik zu tun", so Ferlemann.

Ab Juli hat Deutschland den EU-Ratsvorsitz inne und kann steuern, welche Themen auf die Tagesordnung kommen und welche nicht. Beim Thema Bahn-Güterverkehr gäbe es also genug zu besprechen und zu 'europäisieren'. Aber auch hierzulande ist noch genug zu tun. Derzeit nämlich werden Güterwaggons noch mühsam per Hand ge- und entkoppelt. Das soll nach dem Willen des Verkehrsministeriums möglichst schnell digital und automatisch geschehen.

Ob man dann eines Tages wirklich der 80er-Jahre-Forderung ein wenig näherkommt, der zufolge Güter auf die Bahn gehören, ist offen.  

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 18.2.2020, 6 bis 9 Uhr

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