Till Roenneberg
Professor Till Roenneberg Bild © picture-alliance/dpa

Morgenstund hat Gold im Mund - oder etwa doch nicht? Viele Schlafforscher plädieren dafür, dass die Schule in Deutschland später anfangen sollte. Warum? Darüber haben wir mit dem Chronobiologen Till Roenneberg gesprochen.

Professor Till Roenneberg ist Chronobiologe an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er befasst sich unter anderem mit dem Schlafrhythmus von Menschen und setzt sich seit Jahren dafür ein, den Unterricht für Schhüler über 15 Jahren später beginnen zu lassen.

hr-iNFO: Wieso setzen Sie sich für einen späteren Schulbeginn ein?

Roenneberg: Die wenigsten Leute begreifen, dass wir nicht von der Armbanduhr gesteuert werden. Unsere Biologie, der gesamte Stoffwechsel und unser Verhalten werden von einer inneren Uhr gesteuert. Und die ist gerade bei Jugendlichen sehr spät dran. Die ist zu spät dran bei allen Menschen, die in der Stadt und in der industrialisierten Welt wohnen. Die innere Uhr wird in der Kindheit und der Pubertät immer später. Sie kippt dann bei einem Gipfel der Spielzeit ungefähr mit zwanzig Jahren. So, dass wir langsam wieder früher werden, bis wird die senile Bettflucht erreichen.

"Wer mit dem Wecker aufwacht, hat nicht zu Ende geschlafen"

hr-iNFO: Käme man mit einem späteren Schulbeginn denn allen Kindern entgegen? Es gibt ja vielleicht auch echte Frühaufsteher?

Roenneberg: Ja, aber die können ja auch noch zwei Stunden später denken – hoffentlich. Es ist einfach so, dass auch unter den Jugendlichen die Frühaufsteher ja sehr viel später dran sind als die Lehrer. Ganz einfach jeder, der mit einem Wecker aufwacht ist, ob das ein Erwachsener oder ein Schüler ist, ist zu früh aufgewacht und hat nicht zu Ende geschlafen. Die Schüler kriegen es zwei Mal auf den Deckel: Erstens, weil man ihnen die Nacht klaut, in der sich das, was der Schüler am Tag vorher gelernt hat, richtig im Gehirn festsetzen kann. Und zweitens: Die Schüler müssen praktisch zu ihrer internen Mitternacht in der Schule sitzen und aufpassen. Sie merken oft nicht, und das kann man messen, dass sie in einen Mikroschlaf nach dem anderen fallen.

Das ist einfach alles keine evidenzbasierte Pädagogik. Wenn die Medizin so verfahren würde mit dem, was sie zu tun hat, würden viele laut aufschreien und sagen: 'Die Medizin muss wieder evidenzbasiert sein und nicht einfach nur so tun, als ob sie alles in die leere Luft setzen kann.'

"Die innere Uhr ist ein Diktator"

hr-iNFO: Aber jetzt könnte ich ja sagen: Wer rechtzeitig ins Bett geht, der bekommt genügend Schlaf. Der kann auch leicht früh aufstehen – alles also nur eine Frage der Disziplin. Oder was macht das mit den Menschen?

Roenneberg: Wir haben eine innere Uhr. Diese Uhr ist ein Diktator von innen heraus. Und die stellt sich über Licht und Dunkelheit ein. Die lässt nicht nur später aufwachen, sondern oft auch später einschlafen. Und sie ist noch zusätzlich so gemein. Denn sage ich zu einem Menschen: 'Jetzt legst du dich noch mal hin in einen dunklen Raum. Da wirst du schon einschlafen.' Aber ungefähr ein bis zwei Stunden, bevor die innere Uhr das zeitliche Fenster aufmacht, um einzuschlafen, dreht sie alles noch mal hoch und sagt: 'Wir wollen jetzt nicht einschlafen.' Und das verhindert sie. Egal wie müde man ist.

Insofern ist das so eine Sache mit der Disziplin. Jeder, der damit kommt, zeigt, dass er von der Biologie keine Ahnung hat – von einer Biologie, die übrigens im letzten Herbst einen Nobelpreis bekommen hat. Es handelt sich also nicht um irgendwelches esoterische Gequatsche, sondern um echte Biologie.

"Schüler sind Dauer-Frühschicht-Arbeiter"

hr-iNFO: Wenn wir noch einmal auf die Schüler schauen: Wenn sie so früh zur Schule müssen und das gegen den Biorhythmus geht, setzt das die Konzentrationsfähigkeit zurück. Gibt es noch andere negative Folgen?

Roenneberg: Jeder Erwachsene, der um acht oder neun Uhr in der Arbeit sein soll, soll sich jetzt mal vorstellen, dass er das um vier Uhr morgens sein muss. Dann braucht man gar nicht viel Erklärungen, was da alles den Bach runtergeht. Also zum einen sollte man um diese Uhrzeit nicht frühstücken. Weil dann der Stoffwechsel durcheinander kommt und man dick wird. Und man eine höhere Chance hat, irgendwelche metabolischen Krankheiten wie Diabetes zu kriegen. Alles hängt an dieser inneren Uhr. Und wer einfach so tut, als ob wir gegen die leben könnten, der sollte sich mal angucken, was allen Schichtarbeitern passiert. Und Schüler in dem Alter zu dieser Uhrzeit sind nichts anderes als Dauer-Frühschicht-Arbeiter.

Gewinn auf gesundheitlicher und Lern-Ebene

hr-iNFO: Gibt es denn einen Nachweis dafür, dass der späte Schulbeginn bessere Schüler macht? Wurde das irgendwo langfristig erprobt?

Roenneberg: Internationale Studien häufen sich jetzt. Ein ganz klarer Nachweis, der durch einen verlängerten Schlaf festgestellt wurde, war, dass die Schüler nicht nur bessere Voraussetzungen hatten, um etwas zu lernen, sondern auch gesundheitliche Verbesserungen hatten und die Motivation stieg. In ein paar Studien wurden auch bessere Leistungen gezeigt. Das ist aber wahnsinnig schwierig zu erheben, weil es sehr langfristig gemacht werden muss.

Aber es gibt von diesen vielen internationalen Studien keine Zweifel daran, dass für Jugendliche ein späterer Schulbeginn ein absoluter Gewinn wäre – sowohl auf der gesundheitlichen, als auch auf der Lern-Ebene. Ich warte immer noch auf irgendwelche Eltern, die wirklich mal vor Gericht gehen und sagen: 'Es ist eine biologische Diskriminierung. Mein Kind hat nicht genug gute Noten geschrieben, um Medizin zu studieren.'

Diese Regelung mit der inneren Uhr und dem zu früh in die Schule gehen müssen ist ähnlich, wie wenn man sagt: 'Wer nicht am Reck turnen kann, darf nicht Jura studieren'. Es gibt zum Beispiel auch Leute, die einfach aus biologischen Gründen nicht am Reck turnen können. Warum sollten die nicht Jura studieren können? Und genauso ist es, dass Schüler, die gezwungen werden zur ihrer Mitternacht zu lernen, benachteiligt im Schreiben von Prüfungen sind.

Sendung: hr-iNFO, 3.8., 6:10 Uhr

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