Flüchtlinge in einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer

Es waren schreckliche Bilder von ertrinkenden Menschen, die Italien 2013 zu einer groß angelegten Rettungsaktion veranlassten. Die Italiener waren die ersten, die ihre Schiffe hinausschickten. Doch seitdem ist viel passiert.

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Es mussten erst ein Flüchtlingsboot vor Lampedusa kentern und 366 Menschen ertrinken, ehe sich die italienische Regierung zum Handeln entschloss. Am 3. Oktober 2013 sank das Boot, am 18. Oktober liefen die ersten Schiffe von Marine und Küstenwache aus. Der Name der Aktion war Programm: 'Mare Nostrum' – 'unser Mittelmeer'. Dort sollten künftig keine afrikanischen Flüchtlinge und Migranten mehr ertrinken. Und tatsächlich wurden 140.000 Menschen gerettet.

Der italienischen Regierung war das zehn Millionen Euro im Monat wert. Aber genau ein Jahr später stellte sie 'Mare Nostrum' wieder ein. "Wir beenden Mare Nostrum und Europa übernimmt dort im Mittelmeer seine Verantwortung", verkündete der damalige italienische Innenminister Angelino Alfano. "Mit den Schiffen von Frontex, die den Platz der italienischen Schiffe einnehmen." Schon damals schrillten bei privaten Hilfsorganisationen alle Alarmglocken: Wenn die Europäische Union übernimmt, steht dann noch die Seenotrettung im Vordergrund? Oder doch der Schutz der Außengrenzen?

Mehr als 1.000 Tote an fünf Tagen

Es kam wie befürchtet: Der Einsatz der Schiffe im Auftrag der EU und die Erkundungsflüge der Hubschrauber und Flugzeuge beschränkten sich auf einen engen Radius vor der Küste Italiens. Allein an fünf Tagen im April 2015 ertranken über 1.000 Menschen im Mittelmeer. Erst danach wurde das Einsatzgebiet der Mission 'Triton' ausgeweitet. Aber die Verteilung der Geretteten auf die europäischen Länder scheiterte.

Diese dramatischen Tage aus dem April 2015 waren ein Wendepunkt für die private Helferszene. In Regensburg wurde 'Sea-Eye' gegründet, ein Jahr später die Mission 'Lifeline' in Dresden. 'Sea-Eye' schickte das erste Rettungsschiff vor drei Jahren ins Mittelmeer. Mit ganz unterschiedlichen Helfern am Bord: Studenten, Mechaniker, Ärzte, Rentner.

Dann begannen die Schikanen

Allein auf der 'Sea-Eye' machten über 800 Freiwillige mit, viele von ihnen komplette Neulinge auf See. Sie alle nahmen persönliche Risiken in Kauf, um Menschen in Seenot zu retten. Denn als 2017 insgesamt dreizehn Schiffe im Mittelmeer kreuzten, um das zu tun, was die EU nicht länger tun wollte, da begannen die Schikanen in italienischen und maltesischen Häfen.

Die Schiffe der Helfer wurden beschlagnahmt, gegen den deutschen Kapitän der Dresdner 'Lifeline' verhängte ein maltesisches Gericht eine Geldstrafe von 10.000 Euro. Die Begründung: Er habe ein nicht ordnungsgemäß registriertes Schiff in maltesische Gewässer gesteuert. Tatsächlich fuhr die Dresdner 'Lifeline' unter niederländischer Flagge mit Amsterdam als Heimathafen wie alle anderen Rettungsboote der deutschen Hilfsorganisationen auch, denn für eine deutsche Genehmigung sind sie zu groß.

Italien schließt die Häfen

Die 'Lifeline' durfte übrigens auf Malta erst anlegen, nachdem europäische Regierungen zugesagt hatten, die 230 afrikanischen Migranten an Bord aufzunehmen. Tagelang hatten ihr die Hafen-Behörden die Einfahrt verweigert. In Italien sind seit einem Jahr sämtliche Häfen für private Retter weitgehend geschlossen. Seit September vergangenen Jahres ist im Mittelmeer kein einziges privates Rettungsschiff mehr unterwegs. Ihre Schiffe wurden beschlagnahmt, ausgeflaggt und ohne Landeerlaubnis blockiert.

Sendung: hr-iNFO, 01.07.2019, 16.10 Uhr

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