IG Metall-Demonstration gegen Tarifflucht
IG Metall-Demonstration gegen Tarifflucht (Archivbild) Bild © picture-alliance/dpa

In einem Tarifvertrag einigen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf die Spielregeln, die für die Arbeit in der jeweiligen Branche oder im jeweiligen Betrieb gelten sollen. Früher war dieses Modell weit verbreitet. Doch immer weniger Arbeitnehmer profitieren davon.

Seit Mitte der 90er Jahre ist die Tarifbindung in Deutschland stark zurückgegangen. Waren 1995 noch etwa 80 Prozent der Beschäftigten von Tarifverträgen geschützt, sind es heute nur noch etwas mehr als 50 Prozent. Von einem Tarifvertrag profitiert in Deutschland also nur noch etwa jeder zweite Arbeitnehmer.

Besonders gut im Blick hat diese Entwicklung Professor Thorsten Schulten. Er leitet das Tarifarchiv der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. "Es gibt nach wie vor Branchen mit hoher Tarifbindung", sagt er. Dazu gehöre der öffentliche Dienst, aber auch wichtige Industriebranchen wie Automobil- und Chemieindustrie. "Und wir stellen auf der anderen Seite fest, dass in vielen privaten Dienstleistungsbranchen die Tarifbindung sehr gering ist.“ Dazu gehören vor allem der Einzelhandel, das Hotel- und Gaststättengewerbe sowie Personen- und unternehmensnahe Dienstleistungsbereiche. In diesen Branchen arbeitet nur noch eine Minderheit in Unternehmen mit Tarifvertrag, so Schulten.

Klingt schlimmer als es ist, sagt Peter Hampel von der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände VHU: Viele Unternehmen, die nicht an den Tarifvertrag gebunden seien, würden die üblichen Bedingungen des Tarifvertrags gewähren. Er diene "als Benchmark und die Beschäftigten in diesen Betrieben profitieren auch. Wir erreichen also insgesamt zwei Drittel der Beschäftigten in Deutschland".

Bessere Arbeitsbedingungen in Tarifbindung

Also alles gut in der deutschen Tariflandschaft? Thorsten Schulten verweist auf Studien, laut denen ein Arbeitnehmer in einem Unternehmen mit Tarifvertrag deutlich mehr verdient als in einem Unternehmen ohne Tarifvertrag. "Wir gehen von einem Unterschied zwischen 10 bis 20 Prozent bei der Entlohnung aus", sagt er. Hinzu komme, dass Beschäftigte mit Tarifvertrag in der Regel auch in sonstigen Bereichen deutlich bessere Arbeitsbedingungen hätten: "Sie haben häufiger Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld oder längeren Urlaub."

Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld: All das ist teuer für den Arbeitgeber und erfordert einen gewissen Organisationsaufwand. Allerdings bringt ein Tarifvertrag auch Vorteile für den Arbeitgeber mit sich, sagt Peter Hampel: "Er schafft einheitliche Bedingungen, die Beschäftigten wissen, woran sie sind." Es sorge für Zufriedenheit im Betrieb, wenn man wissen, "dass letztlich hinter der Vergütung ein faires Raster steht, das für alle gleichermaßen gilt, die unter den Tarifvertrag fallen".

Trotz solcher Vorteile für Arbeitgeber: Die Tarifbindung in Deutschland hat stark abgenommen. Ganz im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, sagt Thorsten Schulten vom Tarif-Archiv der Hans-Böckler-Stiftung. In Skandinavien, den Benelux-Ländern oder etwa Frankreich sei die Tarifbindung unverändert hoch: bei 80 oder sogar 90 Prozent. Der Grund: Die Politik erklärt dort deutlich mehr Tarifverträge für allgemein verbindlich. Auch Unternehmen ohne Tarifvertrag müssen sich dann an die Vorgaben halten. Solche Allgemeinverbindlichkeitserklärungen gibt es auch in Deutschland. Aber die sind – wie die Tarifbindung insgesamt – seit Mitte der 90er Jahre stark zurückgegangen.

Sendung: hr-iNFO, 17.8.18, 06:10 Uhr

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