Soldat vor ausgebranntem Tanklastwagen (dpa)

Nach 20 Jahren sind die Taliban wieder an der Macht in Afghanistan. Der Einsatz der internationalen Truppen, darunter auch die Bundeswehr, ist gescheitert. Aber wie kam es überhaupt zum deutschen Engagement? Und was war das eigentlich: humanitäre Hilfe oder Krieg?

Die Anschläge vom 11. September 2001 erschüttern die Welt. New York, Washington, Pennsylvania, insgesamt gut 3000 Tote. Die Reaktion der Vereinigten Staaten folgt prompt. Afghanistan, von den Taliban regiert, wird als Rückzugsort von Al-Quaida ausgemacht. Die Amerikaner wollen das ändern und beginnen am 7. Oktober mit Luftschlägen in dem zentralasiatischen Land. Der damalige US-Präsident George W. Bush verkündet den "war on terror".

NATO ruft Bündnisfall aus

Noch im Oktober 2001 ruft die NATO zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall aus. An der Operation "enduring freedom" beteiligen sich zeitweise 90 Nationen. Der Bundestag debattiert im November. Dass der Kanzler damals Schröder heißt und von der SPD kommt, zeigt, wie lange der Beginn dieses Einsatzes zurückliegt. "Mir ist aber wichtig, dass deutlich wird: Hier geht es nicht um irgendeine außenpolitische Strategie, hier geht es um die Vertretung der eigenen Interessen, um den Schutz der eigenen Werte, nach denen wir leben und weiter leben wollen", sagte Schröder damals.

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Die Vereinten Nationen etablierten die Schutztruppe ISAF, die Aufbauhilfe leisten soll. Die Obergrenze für die Beteiligung der Bundeswehr: zu Spitzenzeiten bis zu 5350 Soldatinnen und Soldaten. Peter Struck von der SPD ist damals Bundesminister der Verteidigung und sagt einen Satz, der bis heute nachhallt: "Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt."

Einsatz nie unumstritten

Unumstritten war der Einsatz nie, auch nicht im Deutschen Bundestag, als der 2007 wieder mal das Mandat verlängern musste. Guido Westerwelle von der FDP war damals Oppositionsführer, dennoch warb er für das Projekt der Regierung: "In dem Augenblick, in dem sich diejenigen, die in Afghanistan für Freiheit kämpfen und eintreten, aus Afghanistan zurückzögen, in dem Augenblick, am Tag danach, wird Kabul wieder zur Haupstadt des Terrorismus der Welt." Worte gesprochen vor 14 Jahren.

Der Abzug war gleichwohl auch schon immer Thema. Wie 2008 bei Jürgen Trittin von den Grünen: "Wir wollen keine Durchhalteparolen. Wir erwarten von Ihnen lediglich ein realistisches Lagebild und einen Stufenplan, in welchen Schritten die Verantwortung an die Afghanen übergeben wird."

Keine humanitäre Hilfe, sondern Krieg

Aber was war das eigentlich im fernen Afghanistan? Humanitäre Hilfe? Soldaten als Brunnenbauer und Entwicklungshelfer? Nein, Krieg, sagt 2010 mit Strucks Nach-Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg erstmals ein deutsches Regierungsmitglied. Auch weil im September 2009 bei einem Luftangriff der Bundeswehr in Kundus auf zwei Tanklaster mehr als 90 afghanische Zivilsten ums Leben gekommen waren. "Nicht nur nach meiner Einschätzung, sondern nach vieler Einschätzung haben wir kriegsähnliche Zustände in Afghanistan", so Guttenberg.

2015 wurde ISAF in eine Ausbildungsmission umgewandelt. Etwa 350.000 afghanische Soldaten wurden bis heute ausgebildet. Dass die letztlich den Taliban so wenig entgegensetzen konnten – oder wollten –, war für viele so überraschend wie enttäuschend. Ende März verlängerte der Bundestag das Mandat für die NATO-Mission "resolute support" noch einmal bis Ende Januar 2022.

Verlustreichster Auslandseinsatz der Bundeswehr

Doch nur drei Wochen später meldet sich der neue US-Präsident Joe Biden und nennt ein symbolträchtiges Abzugsdatum: 11. September 2021 – also genau 20 Jahre nach den Anschlägen in New York, Washington und Pennsylvania. Die Ziele der USA seien erreicht, so Biden: Bin Laden tot und Al-Quaida besiegt. Zeit, einen endlosen Krieg zu beenden. Für die Bundeswehr bleibt es der verlustreichste Auslandseinsatz ihrer bisherigen Geschichte: Nach Angaben des Verteidigungsministeriums verloren insgesamt 59 Soldaten ihr Leben in Afghanistan.

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