Rote Ampel, daneben ein Schild mit der Aufschrift "Hollywood"

Die Corona-Pandemie hat Hollywood hart erwischt. Doch während die einen ums Überleben kämpfen, profitieren andere: Bei den Streaming-Diensten dürften die Sektkorken knallen - und die Oscars sind divers wie nie.

Große Sperrholzplatten versperren den Eingang zum sogenannten Cinerama Dome auf dem Sunset Boulevard in Los Angeles. Das Kino mit der Kuppel, die aussieht wie ein durchgeschnittener Golfball ist geschlossen – und wird seine Türen auch nicht mehr öffnen. Das gaben die Betreiber ArcLight und Pacific Cinema kürzlich bekannt. "Meine Freunde und ich waren oft hier für die Mitternachts-Vorführungen", erinnert sich Heitiare, die nur ein paar Straßen weiter aufgewachsen ist. "Ich habe hier die Batman-Filme mit Christian Bale gesehen. Es war ein toller Ort für Drinks und dann anschließend Filme zu schauen."

Hart erwischt

Ein Jahr lang hatten die Kinos in Los Angeles, DER Filmstadt der USA, geschlossen, weil die Covid-19 Fallzahlen hier so hoch waren. Seit sich die Lage entspannt, dürfen Kinos wieder öffnen -  mit 50 Prozent Auslastung. Doch die lokale Kinokette Arclight etwa sagt, dass sie fünf Kinos nicht mehr öffnen lassen wird. Der Grund dafür sind offenbar ausstehende Mietzahlungen, über die man sich nicht mit dem Vermieter einigen konnte.

Die Corona-Pandemie hat Hollywood hart erwischt. Monatelang durfte gar nicht gedreht werden, seit Herbst 2020 dann wieder mit strengen Auflagen. Diese seien ganz schön hart, meint Schauspieler Bob Odenkirk im ARD-Interview. Er dreht gerade an der nächsten Staffel seiner Netflix-Serie "Better Call Saul": "Es macht dich langsamer. Und noch wichtiger: Es gibt weniger soziale Interaktionen und das beschränkt dich darin, die Szenen aufzuarbeiten - was der Subtext einer Szene ist zum Beispiel." Das Filmbusiness sei ein sehr soziales Business, jeder spreche mit jedem, die Autoren mit dem Regisseur und dieser mit den Schauspielern. "Wenn das nicht geht, macht es weniger Spaß. Es ist eine unangenehme Herausforderung", sagt Odenkirk.

Hunderttausende Dollars für Sicherheit

Hunderttausende Dollar mussten die Studios in zusätzliche Sicherheit investieren, in Tests beispielsweise, einen eigenen Corona-Aufpasser gibt es an den Sets. Die aus der Schweiz stammende Stuntfrau und Schauspielerin Petra Sprecher, die schon in Filmen an der Seite von Tom Cruise oder Will Smith arbeitete, sagt ebenfalls, die Protokolle seien streng: "Du musst die Maske anhaben, wenn du in der Mitte der Szene bis, eine Sekunde bevor sie 'Action' sagen, nimmst du sie ab, du machst deine Szene – und dann sofort wieder anziehen." Bevor es aber in eine Produktion gehe, müsse man mehrere negative Tests vorlegen.

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Petra Sprecher
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Vor allem die großen Hollywoodstudios haben sich gut aufgestellt, eigene Krankenschwestern eingekauft und Testzentren aufgebaut. Vor einem Dreivierteljahr, als langsam wieder gedreht werden durfte, sah das noch anders aus, meint die deutsche Nachwuchschauspielerin Jascha Fehrle: "Da haben wir auch einen Dreh abgesagt, weil uns das zu unsicher war. Denn vor der Kamera spielt man ohne Maske, auch Kussszenen."

Mittlerweile haben sich die Bedingungen verbessert - auch weil in den USA schon so viele Leute geimpft sind, meint Fehrle: "Viele meiner Schauspielkollegen sind schon geimpft. Natürlich nicht, weil wir als Schauspieler Vorrang haben, sondern weil die meisten Schauspieler in Restaurants arbeiten." Deswegen werde es langsam sicherer am Set. Das Arbeiten wird sicherer – und auch sonst gibt es zur Abwechslung auch mal gute Nachrichten für die Kinos. Denn mit der erfolgreich laufenden Impfkampagne in den USA dürfen sie wieder vermehrt öffnen und haben sogar einen großen Actionfilm, den sie zeigen können, nämlich "Godzilla vs. Kong".

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Jascha Fehrle
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Strategien für den "Neustart"

Der Popcorn-Film, in dem das Monster Godzilla gegen den Riesenaffen King Kong kämpft, hat gleich am Startwochenende an Ostern in den USA knapp 50 Millionen US-Dollar eingespielt. Die Menschen wollen offenbar zurück in die Kinos, meint Marc Malkin, Redakteur des Entertainment-Magazins Variety bei CNBC. Natürlich wolle man einen Film wie diesen auf der großen Leinwand sehen. Beachtlich ist der finanzielle Erfolg deshalb, weil "Godzilla vs. Kong" gleichzeitig auf der Streaming-Plattform von Warner Bros., HBO Max, veröffentlicht wurde. Die Zuschauer haben also die Wahl, zu Hause zu bleiben oder ins Kino zu gehen. Dass trotzdem viele ins Kino wollten, sehen optimistische Filmexperten wie Malkin als Zeichen, dass die Krise bald zu Ende ist.

Im Sommer sollen noch mehr Actionfilme folgen, die das Potenzial haben, viel Geld an den Kinokassen einzuspielen, wie etwa der Marvel-Comic-Film "Black Widow" mit Scarlett Johansson, oder der Comic und Real-Film "Space Jam 2", mit Basketballstar LeBron James. Auch bei diesen Filmen gehen die Studios quasi auf Nummer sicher und veröffentlichen die Filme gleichzeitig sowohl per Streaming als auch im Kino. Und nicht alle Studios scheinen so optimistisch zu sein und halten ihre Blockbuster zurück. Das Hollywood Studio Universal hat beispielsweise den Kinostart vom nächsten James Bond Film "No Time To Die" wieder verschoben, auf den Herbst. Und auch der Start des Tom Cruise Film "Top Gun Maverick" verspätet sich erneut.

Grund dafür ist wohl, dass vor allem in Europa viele Kinos noch nicht wieder geöffnet haben. Und auch in den USA ist unklar, ob beispielsweise in New York ab Sommer wieder mehr Menschen ins Kino dürfen. Derzeit sind nur 25 Prozent Kapazität in den Kinos erlaubt - zu wenig, um profitabel zu sein. Der Verband der Kinobetreiber fordert die Politik bereits auf, die Kapazität bald hochzufahren, um Kinopleiten zu vermeiden.

Champagner-Korken bei Netflix

Wie es mit dem legendären Cinerama Dome weitergehen wird, ist unklar. Immerhin: Er darf nicht abgerissen werden, denn er steht unter Denkmalschutz. Heitiare aus Los Angeles hofft, dass es vielleicht doch noch ein Happy End geben wird: "Mit dem Egyptian Theatre in Hollywood gab es eine ähnliche Situation – da kam Netflix und hat das Kino gerettet. Vielleicht gibt es eine ähnliche Idee für die Kuppel." Tatsächlich hat Netflix das sogenannte Egyptian Kino gekauft – um dort seine Filme zu zeigen, die normalerweise auf der Streaming-Plattform laufen. Grund ist unter anderem, dass Filme eine bestimmte Zeit in Los Angeles laufen müssen, um sich überhaupt für die Oscar-Nominierungen zu qualifizieren. Doch die Pandemie rüttelte auch an dieser Tradition.

Als die Oscar Academy die Regeln wegen Corona änderte, konnte man in der Firmenzentrale von Netflix im Silicon Valley förmlich die Champagner-Korken knallen hören. Denn das Streaming-Unternehmen war unfreiwillig bestens gerüstet für eine Pandemie. Besser als jeder seiner Streaming-Konkurrenten und besser als viele der großen Filmstudios. Netflix plant Serien und Filme mit großem Vorlauf. Es will möglichst die gesamte Produktionskette kontrollieren, sprich, möglichst alle Rechte besitzen.

In der Corona-Pandemie ist dem Unternehmen aber auch noch zugute gekommen, dass die großen Filmstudios von Hollywood angesichts geschlossener Kinos respektable Ausspielwege brauchten, um ihre Filme überhaupt bekannt und unters Publikum bringen zu können. Netflix mit seinen weltweit 206 Millionen Abonnenten ist hier schlicht die größte und wichtigste Plattform.

Viele Nominierungen für Streaming-Dienste

Beispiel Paramount Filmstudio: Paramount verkaufte den Thriller "The Trial of the Chicago 7" notgedrungen an Netflix, wo er jetzt für sechs Oscars nominiert ist. Die meisten Nominierungen hat in diesem Jahr aber die Netflix-eigene Produktion "Mank" erhalten - eine Biografie über den Co-Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz, der das Drehbuch für den Filmklassiker "Citizen Kane" mit verfasst hat. Gleich zehn Oscar-Hoffnungen kann sich der Film von Regisseur David Fincher machen.

Netflix-Produktionen kommen allein in diesem Jahr auf insgesamt 35 Nominierungen - so viele wie noch nie. Aber nicht nur Dickfische wie das kalifornische Streaming-Angebot oder Amazon Prime mit zwölf Nominierungen sind schon jetzt die Gewinner. Profitiert von der Regeländerung haben auch Unternehmen wie iPhone-Hersteller Apple, das erst vor zwei Jahren in die Filmproduktion eingestiegen ist. Es darf sich gleich zweimal Hoffnungen machen -  mit dem Animationsfilm "The Wolfwalkers" und für den Soundtrack des Kriegsdramas "Greyhound".

Die Pandemie hat die Streaming-Dienste gestärkt – und damit auch gleichzeitig die kleineren, anspruchsvolleren Filme, meint der NPR-Filmkritiker John Horn: "Eine der besten Dinge, die aus dieser Situation erwachsen ist, ist, dass wir Filme sehen, die wir sonst ignoriert hätten.“

Low Budget-Produktionen und Indepententfilme profitieren

Wer sich die Nominiertenliste der Oscars in diesem Jahr ansieht, dem fällt nicht nur auf, wie dominant die Streaming-Dienste sind, sondern auch, dass es mal andere Gesichter vor und hinter der Kamera gibt. "Minari", nominiert unter anderem als bester Film, erzählt beispielsweise die Geschichte einer koreanischen Familie, die in den USA Wurzeln schlagen will.

"Nomadland" folgt einer Frau, die gezwungen ist, ihre Heimat zu verlassen und sich mit ihrem Van als eine Art amerikanische Nomadin durch die USA bewegt, immer auf der Suche nach Arbeit und einem Stellplatz für ihr Auto. Die Regisseurin des Films "Chloe Zhao" tritt in der Kategorie "Beste Regie" zum ersten Mal in der Geschichte der Oscars gegen eine andere Frau an, nämlich Emerald Fennell ("Promising Young Woman").

Oscars so divers wie nie

Die Oscars sind in diesem Jahr so divers wie nie, mehr Frauen sind in wichtigen Kategorien nominiert, mehr BPoC – also Nicht-Weiße ebenfalls. Das mag zum einen daran liegen, dass die Oscar-Academy nach viel Kritik ihre Mitgliederzahl erhöht und mehr Frauen sowie Nicht-Weiße aufgenommen hat.

Doch Hollywood habe sich nicht einfach nur zum Besseren verändert, meint Filmexperte Bob Mondello in einer Analyse im Radiosender NPR: "Bis vor kurzem waren die Kinos in den wichtigsten Filmmärkten der USA, Los Angeles und New York, zu. Einige Filmemacher, die die Macht hatten, 'Lass uns warten' zu sagen, taten es. Und wer war das? Vor allem die meist männlichen, weißen Stars, Produzenten und Studioköpfe."

Heißt: Wer es sich leisten konnte, wartete ab, um möglicherweise mehr Geld mit den Filmen zu verdienen. Filmemacher von Low-Budget Produktionen oder Independentfilme wie "Minari" oder auch "Judas And The Black Messiah" hatten diesen langen Atem nicht. Auch wenn diese Filme finanziell keine großen Sprünge machen konnten, so bleibt die Hoffnung, dass ihnen ihre Nominierung oder Gewinne bei den Oscars doch noch einen kleinen Schub verpassen. Denn gute Filme müssen gesehen werden. Sonst ist es ein leichtes für Hollywood, wieder in alte Muster zu verfallen.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 23.4.2021, 15 bis 18 Uhr

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