Eine Ärztin stellt ihr Teleprojekt vor
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Übervolle Arztpraxen, lange Wartezeiten - das könnte sich ändern, wenn ein Modell aus dem Rheingau Schule macht: die medizinische Tele-Visite. Wie funktioniert sie?

Ein Hausbesuch in Oestrich-Winkel: Der Patient öffnet im Bademantel. Praxisassistentin Nathalie Hönig kommt zur Wundbehandlung. Sie packt Verbandszeug und ihr Tablet aus. "Ich bin jetzt hier bei dem Herrn Haust, der hat den Fuß schon freigemacht. Sieht auch soweit super aus. Ich würde euch das gern dann kurz mal zeigen", sagt sie zum Tablet gewandt.

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Behandlung in den eigenen vier Wänden: Die Ärzte sind über Kamera zugeschaltet. Für den Patienten Hermann Haust fühlt sich das nah und vertraut an, denn er spart sich den Weg in die Klinik und bange Warterei. Im Krankenhaus habe man automatisch immer Panik, erzählt er. "Zuhause weiß ich, hier kann nicht viel passieren, ist kein Skalpell und nichts dabei. Da kann ich mich viel freier bewegen und auch eventuell viel freier Fragen stellen als im Krankenhaus selbst. Da hat ja keiner Zeit", sagt der Patient.

Knapp zehn Kilometer entfernt im Krankenhaus in Rüdesheim begutachten Chefarzt Michael Rössler und Wundexpertin Anke Lomott die Wunde auf dem Monitor. Auch Hausarzt Ulrich Kau ist in seiner Praxis in Oestrich-Winkel zugeschaltet. Die Ärzte diskutieren über die Rötung am Fuß von Herrn Haust und wollen sicherheitshalber noch mal Blut abnehmen. Televisite, statt zeitraubender Fahrten, macht gerade auf dem Land Sinn.

Nicht nur Vorteile für Patienten

Hausarzt Ulrich Kau weiß seinen Patienten durch die Praxisassistentin gut versorgt und gewinnt Zeit für sein übervolles Wartezimmer. "Wir haben sehr viele Patienten, dadurch ersparen wir uns die ganzen Fahrwege", sagt der Hausarzt. Er erklärt, dass die Praxis mit dieser Art der Behandlung nun eine Stunde gespart hat. Denn so lange würde eine Fahrt nach Stephanshausen hin und zurück dauern. "In der Stunde können wir natürlich zig Patienten behandeln", sagt er.

Vieles geht von Zuhause, langwierige Wundbehandlungen sind ein typisches Beispiel dafür. Das hat nicht nur für den Patienten Vorteile, der sich dabei wohler fühlt, sondern aus Gründen des Infektionsschutzes auch für das Krankenhaus. Chefarzt Michael Rössler erklärt: "Wir haben viele chronisch super-infizierte Wunden mit multi-resistenten Keimen. Hier ist nicht immer eine Wundbehandlung, sondern lediglich eine Wundbeurteilung von nöten. Dazu muss der Patient nicht mehr ins Krankenhaus."

Geboren wurde die Tele-Medizin als Videokonferenz für die Ärzte im Klinikverbund des Wiesbadener Josefs-Hospitals mit dem Rüdesheimer Krankenhaus und dem Otto-Fricke-Krankenhaus in Bad Schwalbach. Früher kostete es die Spezialisten einen halben Arbeitstag, sich zu treffen, um eine Tumorbehandlung zu besprechen. Heute vernetzen sie sich digital. Mittlerweile sind 18 Arztpraxen im Rheingau angeschlossen, eine Ausweitung in den Untertaunus und auf weitere Partner ist in Sicht. IT-Beauftragter Werner Nicolai sagt: "Das Interesse steigt zunehmend. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht neue Interessenten hinzukommen. Auch Pflegedienste und Heime sind Bereiche, wo wir uns das sehr gut vorstellen können."

Weitere Informationen

Möglichkeiten der Telemedizin

Projekt CardioMems in Frankfurt:
Im Herzinsuffizienzzentrum an der Uniklinik Frankfurt gibt es ein Telemonitoring-System für Menschen mit chronischer Herzschwäche. Ein implantierter Sensor überträgt die Werte des Patienten täglich per Internet an die Uniklinik. Dort können die Ärzte anbahnende Verschlechterungen des Gesundheitszustands erkennen und Medikamente anordnen - wodurch neue Krankenhauseinweisungen um ein gutes Drittel reduziert werden können.

Kompetenzzentrum Telemedizin und eHealth In Gießen:
Das hessenweite Zentrum in Gießen soll telemedizinische Aktivitäten vernetzen, Informationen bündeln und Neues ausprobieren.

Fernbehandlung in der Schweiz:

Bereits seit 17 Jahren gibt es die ausschließliche Fernbehandlung. Das ist in der Schweiz möglich, weil es dort keine ärztliche Berufsordnung gibt, die das verbietet. Außerdem gibt es eine Konstruktion, nach der Mitglieder von Krankenkassen einen Bonus erhalten, wenn sie sich zuerst an ein Callcenter wenden, statt direkt zum Hausarzt zu gehen. 700.000 Behandlungen im Jahr finden in der Schweiz rein per Fernbehandlung statt.

Callcenter in Baden-Württemberg:
Ein ähnliches Prinzip wie in der Schweiz erprobt Baden Württemberg seit ein paar Wochen: Patienten rufen bei einer Zentrale an, ihre Daten werden aufgenommen und an mehrere Ärzte geschickt. Wer sich zuerst meldet, bekommt den Auftrag. Der Kontakt zwischen Arzt und Patient findet dann per Telefon oder Videoschalte statt

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Sendung: hr-iNFO, 8.5.18, 06:10 Uhr

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