Zwei junge Männer fahren mit ihren "Schwalbe"-Rollern über einen Feldweg.

Seit 30 Jahren wiedervereinigt, trotzdem gibt es zwischen Ost- und Westdeutschen manchmal noch Verständigungsschwierigkeiten. Woran das liegt? Antje Baumann hat ein Wörterbuch veröffentlicht, das etwas Licht ins Dunkel bringen könnte. Ein Interview.

hr-iNFO: Warum schreiben Sie heute, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, ein Wörterbuch über Begriffe aus der DDR? Pure Nostalgie oder hat das noch etwas mit unserem Leben heute zu tun?

Antje Baumann: Jubiläen sind Gelegenheiten für Rückblicke: was ist gut oder weniger gut gelungen? Dabei wird klarer, was im Alltagsleben selbstverständlich scheint oder zu wenig Beachtung findet. Insofern geht es um das heutige Zusammenleben von Ost- und Westdeutschen. Sie können sich klar werden darüber, was die jeweils anderen ausmacht, weil sie anderes erlebt haben.

Verständigungsschwierigkeiten zwischen Ost- und Westdeutschen, die von einzelnen Wörtern herrührten, hat es nie gegeben. Schwierigkeiten rühren aus dem, was "hinter" den Wörtern steht: unterschiedliche Erfahrungen aus zwei Welten. Da setzt das Buch an, indem es einzelne Wörter "aufklappt" und die andere Welt der DDR hinter diesen Wörtern ein wenig aufblättert.

hr-iNFO: Sie schreiben, die deutsche Teilung sei aus sprachwissenschaftlicher Sicht ein 40 Jahre währendes Experiment gewesen. Inwiefern?

Antje Baumann: Die deutsche Teilung war ja nicht geplant – wie es ein Experiment gewöhnlich ist. Aber sie hat den Austausch zwischen den beiden nun entstandenen Sprechergemeinschaften erheblich eingeschränkt. Zwar gab es nie eine "DDR-Sprache" oder eine "BRD-Sprache", aber da die Macht-, Arbeits- und Lebensverhältnisse sich in West und Ost sehr voneinander unterschieden, wurde ein und dieselbe deutsche Sprache in bestimmten Bereichen unterschiedlich gebraucht. Besonders der offizielle Sprachgebrauch (der Parteien, der Regierung, der Medien etc.) unterschied sich sehr voneinander, die im Alltag gesprochene Sprache hingegen nicht.

hr-iNFO: Können Sie ein paar Beispiele nennen, wie sich unterschiedliche Macht- und Lebensverhältnisse auf die Sprache auswirken?

Antje Baumann: In einer staatlich gelenkten und geformten Gemeinschaft spricht und schreibt man anders. Brigadetagebücher oder Wandzeitungen etwa waren nicht Sprachformen freier Meinungsäußerungen, sondern wurden von den jeweiligen sozialistischen Leitern begutachtet und "auf Linie" gebracht. Da immer auch die Staatsicherheit mithören konnte, unterschieden Ostdeutsche genau, wann sie wie frei gesprochen haben.

So lernten sie einerseits, zwischen den Zeilen zu lesen (zum Beispiel bei verhüllenden Berichterstattungen über Produktionsprobleme in den Nachrichten), und haben andererseits oft weggesehen oder weggehört. Das Zwischen-den-Zeilen-Lesen wird heute nicht mehr in dem Ausmaß gebraucht. Aber das ausgebildete Sensorium dafür, wann es sich um Beschönigung und Phrasen handelt, lässt Ostdeutsche heute sicher manchmal anders reagieren als Westdeutsche.

hr-iNFO: In Ihrem Buch gibt es auch Wörter, die sowohl in Ost und West benutzt wurden, allerdings mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen sind wie zum Beispiel Intelligenz. Können Sie das näher erläutern?

Antje Baumann: "Intelligenz" bezeichnete nicht nur Klugheit, sondern auch eine soziale Schicht mit akademischer Bildung, die in der DDR als ein nötiges, bürgerliches Überbleibsel gesehen wurde. Deswegen sollte im Arbeiter-und-Bauern-Staat aus der Arbeiterklasse heraus eine neue, sozialistische Intelligenz geschaffen werden. Kinder von Arbeitern und Bauern wurden daher gefördert und erhielten leichter Studienplätze oder konnten die Hochschulreife an Arbeiter- und Bauernfakultäten erlangen. Angehörige der Intelligenz hingegen hatten politisches Misstrauen und etliche Nachteile hinzunehmen.

hr-iNFO: Wie fand man in dem Bereich vor 30 Jahren zusammen? Und wie schnell kann sich ein Mensch an die "neue" Bedeutung von Wörtern gewöhnen?

Antje Baumann: Das war auf der Ebene der Wörter gar kein Problem. Neue Wörter für gleiche oder ähnliche Dinge und Verhältnisse wurden einfach gelernt wie zum Beispiel Kaderleitung/Personalabteilung, Polylux/Overheadprojektor. Andere Wörter gingen mit der DDR unter, weil sie nicht mehr gebraucht wurden. Natürlich hat die beigetretene Sprechergemeinschaft hier die Lernleistung erbracht. Für die Westdeutschen hat sich ja nichts verändert.

Die – älteren – Ostdeutschen beherrschen aus soziolinguistischer Sicht beide Codes – was typisch ist für unterrepräsentierte und unterprivilegierte Gruppen. Schwieriger war und ist das Einander-Verstehen bei allem, was unter der Wortoberfläche liegt, also bei den unterschiedlichen Konzepten, die hinter Wörtern stehen. Auf die Zeit nach 1990 trifft sicher das Bonmot zu, dass nichts so sehr trennen kann wie eine gemeinsame Sprache. Man meint, man müsse einander verstehen, ist weniger bemüht als bei jemandem mit fremder Sprache – und wendet sich nach Missverständnissen entnervt ab.

hr-iNFO: Sie fragen in der Einleitung, warum DDR-Bürger – und sogar deren Kinder – sich immer noch als anders erleben oder so wahrgenommen werden. Haben Sie eine Antwort darauf gefunden?

Antje Baumann: Zu DDR-Zeiten hatten viele Ostdeutsche ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrem Staat, das zwar fern war von offener Opposition. Aber viele DDR-Bürger hatten ein distanziertes Verhältnis zum Staat. Denn die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis des Sozialismus wurde immer unübersehbarer.

Als "der Westen" nach 1989 direkt und persönlich erlebt werden konnte, war das überwältigend neu und anders. Mit diesem persönlich erlebtem Systemvergleich bewerteten sie Teile des DDR- und des BRD-Lebens anders. Vor allem aber haben sie erlebt, dass sie oder ihre Eltern allein aufgrund der Tatsache, dass sie "aus dem Osten" sind, anders behandelt oder bewertet werden oder wurden. So formt sich im Kontakt mit Westdeutschen ein Ostbewusstsein.

Die Ostdeutschen haben dabei ihr Leben reflektiert und teilweise herausgefunden, dass eine komplette Übernahme der westlichen Lebensweise gar nicht erstrebenswert ist. Diese Abgrenzung ist keine Ostalgie, es lohnt sich, da genauer hinzusehen. Es könnte ein Neubesinnung auf alte Werte wie Gemeinschaft oder Nachhaltigkeit sein.

hr-iNFO: Wie können wir noch besser zusammenkommen? Wie kommen wir dazu, dass sich Ost und West im wahrsten Sinne des Wortes besser verstehen?

Antje Baumann: Durch Nachfragen, Neugier und echtes Wissen-Wollen. Wer wirklich mehr über Sprache und Lebensweise im Osten wissen will, kann bei seinen ostdeutschen Kollegen, Nachbarn, Freunden, Eltern oder Großeltern nachfragen, was diese mit diesem oder jenem Wort verbinden.

Weitere Informationen

Antje Bauman: "Mit der Schwalbe zur Datsche: Wörter aus einem verschwundenen Land"
Duden Verlag, 112 Seiten, 12 Euro.

Wer Wörter ergänzen will oder widersprechen, kann das auf der Begleitseite: www.duden.de/schwalbe

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