Rohingya-Flüchtlinge im Flüchtlingscamp in Bangladesch
Wenn es stark regnet, steht das ganze Flüchtlingslager unter Wasser Bild © Silke Diettrich

Vor einem Jahr begann die gewaltsame Vertreibung der muslimischen Minderheit der Rohingya aus Myanmars Teilstaat Rakhine. Die meisten flohen nach Bangladesch. Wie geht es ihnen dort?

August 2017: Dicke graue Rauchschwaden. Schüsse im Westen von Myanmar. Tag und Nacht fliehen tausende Menschen, auf klapprigen Booten - und stranden in Bangladesch. Ausgemergelt, verletzt und erschöpft. Schwangere Frauen, Kinder, Alte, Jugendliche. Fast alle Muslime aus Myanmar sind in wenigen Wochen nach Bangladesch geflohen. Kein Gepäck in den Händen, dafür schleppen sie ein großes Bündel grausamer Erlebnisse mit sich.

Zwei Rohingya-Flüchtlinge tragen ihr weniges Hab und Gut
Den Flüchtlingen in Bangladesch ist nicht viel geblieben Bild © Silke Diettrich

"Von meinem Versteck aus habe ich gesehen, wie mein Sohn versucht hat, zu fliehen", erzählt Hasina, Mutter von vier Kindern. "Aber es waren so viele Soldaten dort, sie haben ihn niedergestoßen und dann ins Feuer geworfen." Hasinas ältester Sohn ist verbrannt, mit ihrem Jüngeren ist sie hierher geflohen. Wo ihre zwei anderen Kinder und auch ihr Ehemann sind, weiß sie nicht. Mosadekka ist auch über den großen Fluss gekommen, sie ist zehn Jahre alt. Sie sagt, Soldaten in Myanmar hätten ihre Schwester erschossen: "Ich hatte große Angst, sie haben Menschen zerschnitten, ich bin mit meinen Vater weggerannt."

Hasina und ihr Sohn
Hasinas (r.) Sohn ist verbrannt, mit ihrem jüngeren konnte sie fliehen. Bild © Slike Diettrich

UN: "anhaltende ethnische Säuberungen"

Die Vereinten Nationen sprechen von einer "anhaltenden ethnischen Säuberung" in Myanmar, von "wildem Blutvergießen" und "Massenvergewaltigungen". Dennoch haben sie mit Myanmar eine Absichtserklärung unterschrieben, genau wie auch Bangladesch. Die Rohingya könnten zurück, sagt Myanmar. Aber unter welchen Bedingungen? Wird Myanmar die Rohingya als Bürger ihres Landes anerkennen und sie in Frieden dort leben lassen?

Eine Gewehrkugel hat den Oberschenkel von Abu Kalam zerstört
Eine Gewehrkugel hat den Oberschenkel von Abu Kalam zerstört Bild © Silke Diettrich

Das ist nicht geklärt und so ist noch kein einziger Flüchtling offiziell zurückgegangen. Fast eine Million Rohingya leben nun in Bangladesch - die meisten im mittlerweile größten Flüchtlingslager der Welt, in Kutupalong. "Die Folter daheim wird aufhören?", fragt Sayadur, der gerade an einem Gerüst für eine Latrine hämmert. "Ich erlebe diese Schikanen jetzt seit 45 Jahren, seit meiner Kindheit. Ich würde nur zurückgehen, wenn das wirklich aufhört."

Es werden immer mehr

Mitten in der Regenzeit stehen immer wieder einige Teile des Lagers unter Wasser, schlammige Erdhügel rutschen ab und begraben Zelte oder Menschen unter sich. "Wir haben erst vor einigen Monaten hier ein Zelt auf diesen Hügel gebaut", erzählt Mohammad Iliyas. "Das war unser neues Heim. Vor wenigen Tagen hat es heftig geregnet und der Hügel, mit allen Zelten darauf, ist eingebrochen."

In absehbarer Zeit rechnet niemand damit, dass die Rohingya zurück nach Myanmar gehen. Im Gegenteil, es kommen immer mehr dazu.  In den Lagern, so sagen Hilfsorganisationen, würden am Tag rund 60 Kinder auf die Welt kommen.

Sendung: hr-iNFO, 23.8.18, 06:10 Uhr

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