Flagge Deutschland USA

Das deutsch-amerikanische Verhältnis war in den vergangenen vier Jahren einem Dauerstresstest ausgesetzt. Mit dem Amtsantritt Joe Bidens wird der transatlantische Ton wieder ein anderer sein. Doch auch Kanzlerin Merkel glaubt nicht daran, dass alles so wird, wie es mal war.

Wenn der neue US-Präsident Biden seine mentale Weltkarte ausbreitet, ist Deutschland, schreibt jedenfalls Bidens Biograf Evan Osnos, stets ein sehr wichtiger Teil. "Frau Bundeskanzlerin, es ist eine Freude, wieder in Deutschland zu sein und besonders hier bei ihnen" - so klang das einst und könnte es bald wieder klingen. Damals, vor acht Jahren, stand Biden als Vizepräsident im Kanzleramt in Berlin und damals sagte Merkel, was auch sie bald schon wieder sagen könnte zum dann neuen US-Präsidenten: "Ich freue mich sehr über den Besuch, weil er ausdrückt, dass das transatlantische Verhältnis sehr eng ist. Für Deutschland sind die USA nicht nur ein außerordentlich wichtiger Partner, sondern ein guter Freund. Wir danken für diese Freundschaft."

Gute Voraussetzungen

Eine Freundschaft, die zuletzt vier Jahre Dauerstresstest durchlitt. Aber Deutschlands Außenpolitiker kennen und kontaktieren längst die neuen Gesichter in Washington, die vielfach auch die alten, gutbekannten sind, sagt Wolfgang Ischinger, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, auf der Biden übrigens schon jahrzehntelang Stammgast ist: "Nicht nur ich, fast alle Leute, die sich in Berlin mit Außenpolitik befassen, kennen fast alle Mitarbeiter von Joe Biden. Daran fehlt es nicht. Das ist eine gute Voraussetzung."

Zumal der Kontakt vieler Senatoren und Kongressabgeordneter zu ihren deutschen Gesprächspartnern in den düsteren Trump-Jahren sogar zunahm. Laut Bidens Biograf könnte der neue US-Präsident übrigens schon sehr bald nach Deutschland reisen, es sei sogar möglich, schreibt er, dass ihn seine allererste Auslandsreise nach Deutschland führt. Trump war kein einziges Mal in Berlin. Biden dagegen zeigte einst seinem 15-jährigen Sohn den Checkpoint Charlie und sieht in Europa anders als Trump keinen Gegner. Im Gegenteil: Deutschland und Europa, sagte Biden einst in München, seien die Grundpfeiler für das amerikanische Engagement weltweit: "Europe, all of you, are the cornerstone."

Frei von Illusionen

Der künftige transatlantische Ton wird ein anderer sein, die Sympathie sicher groß. Aber auch die Kanzlerin, die sich einst als DDR-Bürgerin vorgenommen hatte, zu Beginn ihrer Rente einmal durch die USA zu reisen, auch die Kanzlerin ist längst frei von Illusionen: "Ich glaube, dass es nicht mehr so wird, wie es war, auch mit einem Präsidenten Joe Biden. Dass wir als Europäer, und daran arbeiten wird derzeit, unserseits auch etwas anbieten müssen an transatlantischer Partnerschaft.“   

Mehr Geld für Verteidigung, Aufgabenteilung in Sachen Sicherheit beispielsweise. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, der Transatlantiker Norbert Röttgen, sagt, Deutschland müsse Biden jetzt Angebote machen, auf ihn zugehen: "Wir können viel einbringen und wir haben erlebt, was es bedeutet, wenn diese Partnerschaft nicht funktioniert. Wir sollten jetzt unseren Beitrag leisten, ihr neuen Inhalt und Zukunft zu geben."

"Gute Freunde, faire Konkurrenten"

Biden, schreibt sein Biograf Evan Osnos, teile mit Merkel dieselbe Vorstellung von Regierungsarbeit und Seriosität. Merkel und Biden respektieren einander, pflegen wie Obama und Merkel eine freundschaftliche Beziehung. Mit Bidens designiertem Außenminister Anthony Blinken sitzt zudem künftig ein ausgewiesener Europa-Fan im Außenministerium. Einer, der sich mit Heiko Maas zwar nicht auf Deutsch, aber fließend auf Französisch unterhalten könnte. Blinken wuchs als Kind in Paris auf.

Und so beginnt am Mittwoch ein neues deutsch-amerikanisches Kapitel. Eines, das der FDP-Außenpolitiker Graf Lambsdorff zuletzt im Bundestag auf diesen Nenner brachte: "Lassen Sie uns in Deutschland, Europa und den USA daran arbeiten, einander gute Freunde wo möglich, faire Konkurrenten, wo nötig, aber vor allem verlässliche Verbündete für die Freiheit zu sein."

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 20.1.2021, 6 bis 9 Uhr

Jetzt im Programm