sujet-kirche
Bild © picture-alliance/dpa

Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland hat beschlossen, zwei unabhängige Studien zum Thema sexueller Missbrauch in Auftrag zu geben. Doch wie groß ist eigentlich die Dimension der Missbrauchsfälle ?

Die evangelische Kirche stellt sich ihrer Missbrauchsgeschichte - und das Bild einer Institution bekommt einen "tiefen Riss". So beschreibt es Kirsten Fehrs, Bischöfin der Nordkirche, in der sich der größte bislang bekannte Missbrauchsskandal in der evangelischen Kirche ereignete. Jahrelang hat ein Pastor in Ahrensburg Jugendliche missbraucht. Und Bischöfin Fehrs fragt sich seitdem, wie das geschehen konnte: "Es entstand eine Kultur der Grenzverachtung, in der es keine Korrektur etwa durch eine Beschwerdeinstanz gab. Wer hätte das auch sein sollen? Waren doch alle irgendwie miteinander bekannt, verwandt, verbrüdert, voneinander abhängig. Der Täter war verbunden mit dem Kollegen, mit manchem Kirchenvorsteher, mit dem Propst und mit Oberkirchenräten, die den Täter letztlich zwar versetzt haben, allerdings ausgerechnet in den Jugendstrafvollzug“.

Zitat
„Angesichts der Verletzungen, die wir als Institution ihnen zugefügt haben, auch in der Aufarbeitung, kann man nur sagen: Da ist an dem unsensiblen und wirklich unangemessenen Verhalten seitens verschiedenster kirchlicher Stellen nichts, aber auch gar nichts zu beschönigen.“ Zitat von Bischöfin Kirsten Fehrs
Zitat Ende

Ein Fall wie der in Ahrensburg wurde bislang in der evangelischen Kirche als Einzelfall verbucht. Erst mit der Synode in Würzburg macht sich die EKD daran, das Thema Missbrauch umfassend aufzuarbeiten. Insgesamt wurden bis heute 479 Missbrauchsfälle gemeldet, davon etwa zwei Drittel in kirchlichen Heimen. "Kein Mensch würde ernsthaft behaupten, es gäbe nicht auch ein Dunkelfeld", sagt Fehrs. "Um hier aber eine seriöse, wissenschaftlich nachprüfbare und unabhängige Einschätzung zu bekommen, bedarf es einer gesonderten Dunkelfeldstudie – und die ist auch geplant.“

11 Punkte-Plan zur Missbrauchsbekämpfung

Audiobeitrag

Podcast

zum Artikel Kommentar: Ökumene des Versagens

Ende des Audiobeitrags

Eine weitere wissenschaftliche Studie soll "systemisch bedingte Risikofaktoren in der evangelischen Kirche" untersuchen. Zum Beispiel in der Jugendarbeit. "Schon aus dem, was wir jetzt wissen, lassen sich aber evangelische Spezifika orten: so z.B. die unreflektierte Vermischung von Privatem und Dienstlichem; dezentrale Strukturen, die unklar machen, wer für was zuständig ist – einschließlich einer fehlenden Beschwerdemöglichkeit“, so Fehrs.

Mit einem 11 Punkte-Plan will die evangelische Kirche den sexuellen Missbrauch in den eigenen Reihen bekämpfen. Dabei werden auch Forderungen der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs umgesetzt. Die EKD will eine unabhängige Meldestelle einrichten, an die sich betroffene Wenden können. Außerdem wird ein Rat "zum Schutz vor sexualisierter Gewalt" an der Spitze der EKD eingerichtet.

Audiobeitrag

Podcast

zum Artikel Wie die EKD mit Missbrauch umgeht

Ende des Audiobeitrags

Sprecherin dieses Gremiums ist Bischöfin Kirsten Fehrs, die in der heutigen Tagung der Synode den Maßnahmenplan vorgestellt und ein Schuldbekenntnis für ihre Kirche abgelegt hat: "Wir haben uns gegenüber uns anvertrauten Menschen schuldig gemacht. Auch als Institution. Weil wir ihnen den Schutz nicht gewährten, den sie dringend brauchten".

Schon zum Auftakt der Tagung des evangelischen Kirchenparlaments hat der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm alle Opfer im Namen der Evangelischen Kirche in Deutschland offiziell um Vergebung gebeten.

Sendung: hr-iNFO, 13.11.2018, 16:10 Uhr

Jetzt im Programm