Symbolfoto: Geldmünzen und Scheine liegen auf einer Gehaltsabrechnung
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In Island werden Frauen und Männer in gleichen Positionen per Gesetz gleich bezahlt. In Deutschland gibt es seit Januar ein Gesetz, das ein Meilenstein in Sachen gleichwertige Bezahlung werden sollte. Wurde das realisiert?

Was ist das Entgelttransparenzgesetz?

Das "Gesetz zur Förderung der Entgelttransparenz zwischen Frauen und Männern" verbietet, Menschen wegen ihres Geschlechts geringer zu entlohnen als ihre Kollegen. Angestellte von Betrieben mit mehr als 200 Beschäftigten können demnach bei ihrem Arbeitgeber erfragen, welchen Lohn Mitarbeiter bekommen, die vergleichbare Tätigkeiten machen. Falls es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, muss das Unternehmen erklären, warum das so ist. Gründe sind zum Beispiel die Anzahl der Berufsjahre oder eine Hochschulausbildung.

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Was muss der Arbeitnehmer tun?

Der Antrag muss in schriftlicher Form an die Geschäftsleitung oder den Betriebsrat gestellt werden. Mitgeteilt wird dem Antragsteller der sogenannte Median innerhalb einer erfragten Personengruppe. Zur Ermittlung des Medians müssen mindestens sechs weitere Mitarbeiter des anderen Geschlechts herangezogen werden. Letztlich erfährt der Antragsteller nur, was der bekommt, der in der Mitte liegt. 

Ist der Median der Vergütung des anderen Geschlechts höher als das eigene, könnte das laut Arbeitsrechtler Martin Gutzeit ein Indiz für eine Entgeltdiskriminierung sein. Stellt sich nach einem  entsprechenden Verfahren heraus, dass der Antragsteller benachteiligt wird, wird der Verdienst aber nicht automatisch angehoben. Große Unternehmen sind vom Gesetzgeber angehalten, zu prüfen, ob der Arbeitnehmer im Gehalt benachteiligt wird. Kommt es nicht dazu, müsste der oder die Beschäftigte in letzter Instanz dagegen klagen.

Wie viele Unternehmen betrifft das?

Laut Statistischem Landesamt gab es 2015 rund 273.000 Unternehmen. Allerdings müssen nach aktueller Gesetzeslage nur rund 1.230 Unternehmen das Lohngleichheitsgesetz, wie es auch heißt, anwenden. Alle anderen beschäftigen weniger als 200 Mitarbeiter und fallen daher nicht in den Geltungsbereich des Gesetzes.

Wie gut wird das bisher von Arbeitnehmern genutzt?

Bisher ist die Nachfrage gering. So hat zum Beispiel beim Flughafenbetreiber Fraport bislang niemand nachgehakt. Der Gesundheitskonzern Fresenius, der Pharmakonzern Merck und die Deutsche Börse melden weniger als zehn Anfragen. Bei der Lufthansa waren es rund 70. Bei der Deutschen Bank haben sich 170 Mitarbeiter gemeldet. Allerdings beschäftigt die Bank in Deutschland rund 30.000 Mitarbeiter; das ist weniger als ein Prozent. Helena Müller vom Deutschen Gewerkschaftsbund vermutet psychologische Gründe hinter der Zurückhaltung der Arbeitnehmer: "Wenn man an den Arbeitgeber tritt und eine Auskunft haben möchte, unterstellt man dem Arbeitgeber indirekt, du bezahlst mich vielleicht schlechter als die männlichen Kollegen, damit drückt man ein Misstrauen aus". Besonders Frauen fehle häufig der Mut, weil sie fürchteten, das könne negative Konsequenzen haben.

Geht es in Sachen Transparenz noch besser?

In Schweden ist Transparenz seit mehr als 250 Jahren als "Öffentlichkeitsprinzip" in der Verfassung festgeschrieben. Es gilt für nahezu alle Unterlagen - von Regierung, Behörden oder Gerichten, aber auch für viele private Daten wie die Höhe des Einkommens oder die Summe der gezahlten Steuern. Bürger können individuelle Anfragen ans Finanzamt richten oder Online-Datendienste nutzen. So weiß jeder, der es wissen will, dass es in Schweden weibliche Spitzenverdiener wie Karin Wanngård gibt. Die 43-jährige Sozialdemokratin ist seit 2014 Bürgermeisterin von Stockholm und verdient knapp 14.000 Euro brutto im Monat. 2016 haben in Schweden in den Topjobs öffentlicher Verwaltungen und Unternehmen zum ersten Mal Frauen mehr verdient als Männer - im Schnitt umgerechnet knapp 6.500 Euro brutto und somit etwa 100 Euro mehr als die männlichen Kollegen in gleichen Positionen.

Sendung: hr-iNFO, 20.7.18, 06:10 Uhr

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