Demonstration von Veganern
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Ob Fußball, Ernährung oder Tanzen im Club: All das kann Funktionen für Menschen erfüllen, die früher vor allem die Religion hatte. Worum geht es dabei? Und können solche Ersatzreligionen die echten überflüssig machen?

Samstagnachmittag in Deutschland: Hunderttausende Fußballfans ziehen in die Stadien in Kutten und Schals ihrer Mannschaften, fahnenschwenkend wie bei einer Prozession, voller Erwartung hin zum heiligen Rasen. Es gibt Wechselgesänge und Reliquien wie Trikots, die Mannschaften betreten den Rasen zusammen mit Einlaufkindern - wie mit Messdienern an ihrer Seite.

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Funkkolleg Religion Macht Politik

Am Samstag startet unsere neue Reihe des Funkkollegs, in der wir uns mit dem Verhältnis von Glauben und Politik, von Religion und Staat beschäftigen. Die Auftaktsendung beschreibt, warum uns etwas "heilig" ist, und warum Religion keineswegs aus unserer Welt verschwindet, auch wenn immer mehr Menschen die Kirchen verlassen oder den Glauben verlieren. [zum Podcast]

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Wie der Fußballfan seinen Samstag heiligt, das steckt voller religiöser Rituale. Im Spiel selbst entfesseln sich dann die Emotionen. Der Zuschauer lässt den Alltag hinter sich, darf schreien, fluchen, jubeln - er transzendiert sich, wie der Philosoph Hans Joachim Hoeneß formuliert: "Dabei zu sein ist die Einladung zu ekstatischen Erfahrungen; aber eben auch die Erfahrung tiefer Niedergeschlagenheit ist möglich." Das Wort Fan kommt vom lateinischen Wort Fanum. Es bedeutet heiliger Bezirk. Im Stadion schaffen sich die Fans allwöchentlich ihren heiligen Bezirk, ihren Weiheraum des Außeralltäglichen und einer kaum sonst so intensiv zu erlebenden Gemeinschaft.

Erfahrung von Gemeinschaft

Aber ist Fußball wirklich Religion? Eugen Eckert ist selbst Fan und Stadionpfarrer in der Frankfurter Commerzbank Arena. Er sagt, Fußball habe in jedem Fall kultische Formen. Aber: "Er beantwortet natürlich nicht die großen existenziellen Fragen: Woher komme ich, wo gehe ich hin, was hält mich im Leben und Sterben? Letztlich ist in meinen Augen der Fußball keine Religion."

Wenn Religionswissenschaftler trotzdem davon sprechen, dass Fußball eine Religion sei - besser ein Religionsersatz -, dann meinen sie ausschließlich die Funktionen, die das für den Menschen hat. Und das sind ziemlich genau die Funktionen, die früher die Religion hatte: etwa die intensive Erfahrung von Gemeinschaft, eine rituell gestaltete, wiederkehrende Unterbrechung des Alltags, die Erfahrung eines Ortes und einer Zeit als heilig.

Die säkulare Version einer fast göttlichen Offenbarung

Mit dieser Brille kann man dann aber noch viel mehr Dinge entdecken, auf die die Definition "Religionsersatz" zutrifft. Diskotheken beispielsweise, sagt der Philosoph Hans Joachim Hoeneß:  "Wenn ich den DJ am Pult erlebe, der gleichsam die Kanzel besetzt, der dann auch eine Lightshow startet, die eine entsprechende Atmosphäre erzeugt, wo ich dann Erfahrungen des Ekstatischen machen kann. Und wenn die mich verlässt, nehme ich eine Ecstasy und dann geht's eben auch weiter".

Religiöse Anleihen prägen auch das Produktmarketing, wenn auf der IAA neue Autos vorgestellt werden. Dann umschwirren blonde Hostessen das Objekt der Begierde wie Engel. Wenn das Tuch, das alles verhüllt, gelupft wird im weihrauchartigen Rauch der Nebelmaschine und begleitet vom Blitz und Donner der Lightshow, dann ist das alles die säkulare Version einer fast göttlichen Offenbarung.

Versprechen von Erlösung wird an Ernährung gekoppelt

Der aktuellste Bereich von Ersatzreligion ist das Essen - davon ist der Fuldaer Ernährungspsychologe Christoph Klotter überzeugt. Das Versprechen der Erlösung, der Gedanke des Verschont-Werdens von Krankheit und Übel ist nun an die richtige Ernährung gekoppelt. Zugleich wird die Ernährung stark moralisiert, Ernährungsbewusste sprechen von gutem und bösem Gemüse.

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„Ich habe gestern gesündigt, weil ich eine Latte Macchiato getrunken habe“
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Das ist Teil dieser ersatzreligiösen Dimension des Essens, sagt Klotter: "Die religiöse Dimension ist unbewusst. Da die Kirchen Einfluss verloren haben, müssen sozusagen andere Instanzen moralische Grundsätze aufrecht erhalten. Und der Sündenbegriff lebt dann über das Essen fort, wenn ich dann sage: 'Ich habe gestern gesündigt, weil ich eine Latte Macchiato getrunken habe'.“

In der Ernährung gibt es wie in der Religion widerstreitende Konfessionen. Zwischen Vegetariern und Veganern, Frutariern und Rohköstlern können wahre Glaubenskriege toben. Heute versucht sozusagen jede ‚Ernährungssekte‘,  andere Menschen zu überzeugen von der eigenen Ernährungsweise, sagt Klotter. "Wörtliches Zitat einer Veganerin: ‚Fleisch essen ist wie Kinderpornografie.‘  So wird dann der andere diabolisiert und es wird versucht, sozusagen aus der eigenen Ernährungsweise eine Mission zu machen."

Sendung: hr-iNFO, 2.11.2018, 6:10 Uhr

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