Ein Apotheker hält nah an dem Arm einer Kundin seiner Apotheke eine Spritze mit Grippeschutzimpfstoff.

Kann ein einziges Wort einen großen Unterschied bei der Impfkampagne machen? Genau dieses Experiment hat die Stadt Bad Nauheim gewagt. Mit Erfolg.

Es ist schon einige Monate her, als beim Bad Nauheimer Bürgermeister Klaus Kreß eine ungewöhnliche Anfrage ins Büro flattert. Der Inhalt: Ob die Stadt an einem wissenschaftlichen Experiment teilnehmen will. Es geht um die Steigerung der Corona-Impfbereitschaft. Absender ist die Zeppelin Universität aus Friedrichshafen.

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Das Thema als Podcast: Zwischen Pillen und Tinkturen - ab heute impfen Apotheker

Eine Apothekerin bereitet eine Spritze mit Corona-Impfstoff vor.
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Das habe ihn zunächst überrascht, sagt Kreß: "Nach dem Motto - wir sind eine Kleinstadt, was wollen jetzt Forscher von uns mit der Kampagne?" Andererseits sei bei ihnen die Kerkhoff-Klinik und die Max-Planck-Gesellschaft ansässig und man sei "durchaus eine Stadt der Wissenschaft", erzählt der parteilose Bürgermeister. Und obwohl damals im Frühjahr 2021 heilloses Impfchaos herrschte, sagte er Ja.

'Ihre Impfung' versus 'eine Impfung'

Da sich die Kommune ohnehin darum bemüht habe, ihren Beitrag zur Erhöhung der Impfquote zu leisten, habe man sich über den Vorschlag gefreut, mitzumachen. "Wir wussten auch nicht, was ist richtig und was ist falsch? Für uns war also klar, dass wir mitmachen."

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Die zwei unterschiedlichen Anschreiben zur Impfkampagne

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Im Mai 2021 ging das Experiment dann los. An alle volljährigen Bewohner der mittelhessischen Kurstadt wurden Info-Briefe geschickt. Insgesamt mehr als 27.000 Anschreiben. Darin eine kleine, aber feine Besonderheit, erklärt der Verwaltungswissenschaftler und Studienautor Florian Keppeler von der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen: "Wir haben die volljährige Bevölkerung nach dem Zufallsprinzip aufgeteilt in zwei Gruppen. Jede Gruppe bekam einen Brief. Der einzige Unterschied war: In dem einem Anschreiben stand die Formulierung 'Ihre Impfung' und in dem anderen 'eine Impfung'."

Impfinteresse um 39 Prozent erhöht

Die Hypothese: Die direkte Ansprache soll die Adressaten persönlicher adressieren und mehr Interesse erzeugen. Ansonsten waren die Anschreiben optisch und inhaltlich identisch. Gemessen wurde die Wirksamkeit dann darüber, wie oft die enthaltenen Shortlinks und QR-Codes zur Impfung abgerufen wurden. Das Ergebnis: "In der Studie zeigt sich, dass in der Gruppe mit dem Fürwort 'Ihre Impfung' eine deutlich höhere Impfbereitschaft besteht als in der anderen Gruppe. Im Vergleich der beiden Schreiben ist das Impfinteresse und um 39 Prozent erhöht worden", sagt Keppeler.

Ein erstaunliches Ergebnis. Doch für den Studienmacher hielt sich die Überraschung in Grenzen: "Wir waren von dem Ausmaß des Effektes nicht besonders überrascht, weil die Nützlichkeit von persönlichen Anschreiben und auch der des Erzeugens von Eigentümerschaft schon länger in der Forschung bekannt ist."

"Nicht hinreichend verwendet"

Allerdings: Die Aussagekraft für die langfristige Impfquote in Bad Nauheim ist begrenzt. Denn eine stadtbezogene Impfquote gibt es nicht – und kann es nicht geben. Denn jeder kann sich impfen lassen, wo er oder sie will und muss das nicht am Wohnort tun.

Außerdem: Vielleicht lassen sich in Jahr drei der Pandemie nicht mehr ganz so viele Menschen darauf ein wie noch zu Beginn der Impfkampagne. Doch Forscher Keppeler sieht unterm Strich viele Vorteile in den Anschreiben: wenig Aufwand, kein Zwang, geringe Kosten. "Was uns überrascht ist, dass dieser Ansatz, Menschen persönlich anzuschreiben, nicht hinreichend verwendet wird. Wenn man der Überzeugung ist, dass derzeit noch Plakatkampagnen nützen, dann kann man sicher auch noch mit personalisierten Anschreiben etwas dazu gewinnen, vor allem weil man dadurch noch andere Zielgruppen gewinnen kann."

Noch ist das Ganze aber in der Form landesweit einmalig. In Hessen wurden zwar an über 70-Jährige Briefe geschickt, darin fehlte aber ein wichtiges Detail: Von 'Ihrer Impfung' war da nur am Rande die Rede.

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