Eine Flüchtlingsunterkunft in Boa Vista.
Immer mehr Venezolaner schlagen in Boa Vista ihre Zelte auf. Bild © picture-alliance/dpa

Wegen der politischen und wirtschaftlichen Krise fliehen Hunderttausende Venezolaner in die Nachbarländer. Die ärmsten Flüchtlinge stranden im Norden Brasiliens. Das bringt Probleme mit sich.

Die Stadt Boa Vista im Norden Brasiliens ist ein einziges großes Flüchtlingslager geworden. Ob rund um den Busbahnhof im Zentrum oder in den Außenbezirken: Überall liegen Menschen am Straßenrand, auf Pappkartons. Nur wer Glück hat kann sich wenigstens einen Verschlag aus Latten und Plastikplanen bauen. Hunderte, vielleicht tausende Menschen campieren am Straßenrand, auf jeder Brachfläche, jeder Verkehrsinsel. Boa Vista liegt fast direkt am Äquator. Hier wechselt sich sengende Hitze mit tropischen Gewittern ab, die ganze Straßenzüge unter Wasser setzen. Die Stadt ist abwechselnd heiß und staubig, dann schwül, nass und verschlammt. Und trotzdem sagen die Menschen, es gehe ihnen hier besser als in Venezuela.

Immerhin werden nach und nach neue Not-Unterkünfte errichtet. Die Armee, kirchliche und private Hilfsorganisationen versorgen die Flüchtlinge mit Nahrungsmitteln. Aber das ändert nichts daran, dass Boa Vista für die Flüchtlinge eine Sackgasse ist. In Boa Vista mit seinen rund 300.000 Einwohnern gibt es keine Arbeit – und schon lange keine Unterkünfte mehr.

800 Kilometer durch den Urwald

Boa Vista ist die Hauptstadt von Roraima, einem kleinen und abgelegenen Bundesstaat im äußersten Norden Brasiliens. Es gibt keine Straßenverbindung zum Rest des Landes, nur nach Manaus und dorthin sind es 800 Kilometer mitten durch den Urwald. "Dieser Teilstaat ist vom Rest Brasiliens völlig isoliert. Zwischen Roraima und dem Rest Brasiliens liegen der Amazonas und der gesamte Amazonas-Urwald. Das ist eine natürliche Barriere für die Menschen. Deshalb unterstützt das UNHCR jetzt die Regierung Brasiliens", sagt Pablos Matos, Sprecher des UNHCR, des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen.

Rund 50.000 Venezolaner sind bis jetzt in Brasilien angekommen. Viel weniger als die Million, die Kolumbien, der andere Nachbarstaat Venezuelas, aufgenommen hat. Aber in Kolumbien kommen sie weiter. Sie können sich über das ganze Land verteilen. Per Anhalter, mit Bussen, zur Not in wochenlangen Fußmärschen. Aber für Menschen aus dem Osten von Venezuela liegt die kolumbianische Grenzstadt Cúcuta zu weit weg. Sie schlagen sich mit Mühe und Not zur nächsten Grenze durch – und das ist Brasilien. Einige haben genug Geld, um sich eine Wohnung oder ein Flugticket zu kaufen. Die ärmsten Venezolaner bleiben in Roraima gestrandet – und diese Situation sorgt zunehmend für Probleme.

400 Flüchtlinge pro Tag

Zwei venezolanische Flüchtlinge tragen ihre Koffer über die brasilianische Grenze.
Rund 400 Flüchtlinge kommen täglich in Boa Vista an. Bild © picture-alliance/dpa

Die Zentralregierung in Brasilia will jetzt Monat für Monat 400 Flüchtlinge auf andere Bundesstaaten verteilen, wo es Arbeit und bessere Versorgung gibt. Aber so viele Menschen kamen in Pacaraima, an der Grenze, 220 Kilometer nördlich von Boa Vista zuletzt jeden Tag an. Und nicht alle Menschen sind hier gut auf die Flüchtlinge zu sprechen. "Die Stadt erstickt regelrecht, man muss sie wieder leerräumen. Hier sind so viele Leute, sie schlafen auf den Straßen. Wir wollen jemanden, der damit Schluss macht", klagt etwa ein Taxi-Kunde.

Tatsächlich hat die Kriminalität in Brasilien zugenommen. Viele Venezolaner versuchen, sich als Straßenverkäufer durchzuschlagen; andere greifen zu illegalen Mitteln. Und es gibt Ausschreitungen. Jüngst eskalierte ein Streit zwischen einem Brasilianer und einem Venezolaner der angeblich ein Brot gestohlen hatte. Am Schluss waren beide tot. Und in Pacaraima, der Kleinstadt direkt an der Grenze, zündete ein wütender Mob die Camps der Venezolaner an, zerstörte die wenigen Habseligkeiten, die sie dabei hatten. Die Zentralregierung hat jetzt Armeeeinheiten geschickt, um die Flüchtlinge zu unterstützen und um die Sicherheit zu garantieren.

Die Preise in Venezuela galoppieren

Allerdings sind nicht alle Brasilianer gegen die Migranten. Im Gegenteil: Die Solidarität ist groß. Junge Menschen reisen auf eigene Kosten nach Roraima, um als Flüchtlingshelfer zu arbeiten. Selbst arme Brasilianer schenken den Flüchtlingen am Straßenrand Brot. Aber Brasilien steckt mitten in einem der konfusesten Wahlkämpfe aller Zeiten. Und die Flüchtlinge geraten zwischen die politischen Fronten. "Wir machen uns Sorgen, dass in Boa Vista dasselbe passieren könnte wie in Pacaraima. Und wir sind ja ausgerechnet in einem Wahljahr. Das Flüchtlingsthema ist das Kernstück in den Reden gewisser Populisten, um ihre Wähler einzufangen und die nötigen Stimmen zu sammeln", sagt Pater Agnaldo Júnior, der Leiter des Migrations- und Flüchtlingswerks der Jesuiten in Brasilien.

Nach den Ausschreitungen hat der Flüchtlingsstrom an der Grenze etwas nachgelassen. Aufhören wird er aber nicht. In Venezuela geht die Hyperinflation ungebremst weiter, die Währungsreform und die neuen Mindestlöhne haben daran nichts geändert. In Santa Elena, der Grenzstadt in Venezuela, 15 Kilometer nördlich der brasilianischen Grenze, kann man den Preisen beim Galoppieren zuschauen. Noch immer werden dicke Geldbündel für kleinste Einkäufe gebraucht. Absurde Beträge, die viele Venezolaner sich nicht leisten können. "Wir sind ständig am Telefon oder am Taschenrechner um neue Preise und Wechselkurse zu berechnen. Alle drei Stunden gibt es neue Preise, alle drei Stunden melden die Lieferanten dir die neuen Preise und dann musst Du die Preise anpassen", erzählt ein Lebensmittelhändler.

"Eigentlich das reichste Land Südamerikas"

Dank der nahen Grenze kommen die Menschen in Santa Elena mit Schmuggel aus Brasilien über die Runden. Weiter im Landesinneren geht das nicht. Ein ganzer Monatslohn reicht vielen Venezolanern nur, um Essen für ein, zwei Tage zu kaufen. Dabei ist es nur ein paar Jahre her, da lief die Migration in die andere Richtung. Zu Zehntausenden gingen Menschen aus Kolumbien zum Arbeiten nach Venezuela. Dort war alles billiger. Jetzt rufen die Menschen verzweifelt: "Wir sind doch eigentlich das reichste Land Südamerikas. Schau, was aus uns geworden ist!" Venezuela hat die größten bekannten Erdölreserven der Welt. Zudem werden Gold, Kupfer und Diamanten gefördert. Santa Elena war eine Touristenhochburg.

Aber jetzt sagen viele Venezolaner, sie wollen gar nicht mehr zurück in ihr Land. Sie wollen in Brasilien bleiben, in Kolumbien, Argentinien oder Chile. Selbst Länder wie Peru und Ecuador sind inzwischen attraktive Ziele für Migranten aus Venezuela. Das Elend dort geht weiter. Und damit wohl auch die größte Flüchtlingswelle, die Südamerika je erlebt hat.

Sendung: hr-iNFO, 18.09.2018, 6.20 Uhr

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