Flüchtlingslager auf Lesbos

Über 40.000 Menschen leben derzeit in Flüchtlingslagern auf griechischen Inseln. Oft haben sie kein Bett und keinen Strom, viele warten stundenlang auf eine Mahlzeit, mancher über ein Jahr aufs Asylverfahren. Dabei hatte die EU alles ganz anders geplant.

Eric aus Kamerun kam vor vier Monaten in einem Schlauchboot an der Küste der griechischen Insel Samos an. Im völlig überfüllten Flüchtlingslager musste er sich registrieren lassen, bekam seinen Ausweis. Damit kann er sich drei Mal am Tag eine Mahlzeit holen, muss dafür aber stundenlang anstehen.

Ein Bett oder einen Schlafplatz im Lager bekam Eric nicht. Dort sind nur 650 Plätze, aber inzwischen drängen sich 7.000 Flüchtlinge auf Samos. Eric musste sich aus Planen ein Zelt neben dem Lager bauen. „Es ist nicht leicht hier", sagt er. "Das Essen ist schlecht, es gibt keinen Strom. Es ist kalt, es ist sehr gefährlich hier. Überhaupt nicht gut."

Griechische Regierung will geschlossene Lager bauen

Die Flüchtlinge dürfen die Insel nicht verlassen, ehe nicht über ihr Asylverfahren entschieden ist. Aber wenigstens können sie sich auf der Insel frei bewegen. Doch auch damit könnte bald Schluss sein, denn die griechische Regierung hat gestern angekündigt, auf den Inseln neue, geschlossene Lager zu bauen. Die Flüchtlinge wären dann eingesperrt.

Eric fände das furchtbar. Aber, so sagt er, wenigstens habe er schon einen Termin für seine erste Anhörung im Asylverfahren: Anfang 2021. Ein Jahr lang muss Eric also noch auf Samos ausharren, ehe sein Verfahren überhaupt erst beginnt.

Geplant war alles anders

Als vor vier Jahren die ersten Flüchtlinge im Lager Samos ankamen, gingen Bürokraten der EU von ganz anderen Fristen aus. Man werde innerhalb von drei bis vier Wochen entscheiden, ob ein Flüchtling bleiben darf oder nicht, so der Plan. Wer nicht bleiben darf, wird sogleich in die Türkei zurück abgeschoben, sagt das Flüchtlingsabkommen, das die EU mit der Türkei vereinbart hatte.

Die Türkei hatte dem zugestimmt, denn zum einen bezahlt die EU Geld an die Türkei für die Versorgung der Flüchtlinge. Und zum anderen hatte die EU eine Art Tauschhandel angeboten: Für jeden Flüchtling, der von einer griechischen Insel in die Türkei zurückgeschickt wird, nimmt die EU einen syrischen Flüchtling aus der Türkei auf, der dann auf legalem Weg von der Türkei in die EU kommen darf.

Das blieb jedoch weitgehend Theorie. In den vier Jahren, seitdem das Abkommen gilt, wurden nur etwas mehr als 2.000 Flüchtlinge in die Türkei zurückgeschickt, gekommen sind in jener Zeit aber weit mehr als 100.000. Die meisten von ihnen konnten dann doch irgendwann die Inseln verlassen und aufs griechische Festland.

"Frauen, Kinder und Männer wie Du und ich"

Derzeit drängen sich 42.000 Migranten in den fünf Lagern auf den Inseln: "Diese Zahlen sind Menschen", sagt Apostolos Veizis von der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen". "Es sind Kinder, Frauen und Männer wie Du und ich", sagt er, "wir müssen uns um sie kümmern."

Die Hilfsorganisationen fordern, die Lager sofort aufzulösen. Diese Lager seien "eine Schande für Europa", sagt Apostolos Veizis. "Und es ist eine Schande, dass wir als Europäer uns das ansehen."

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 24.1.2020, 15 bis 18 Uhr

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