Apfel und ein Glaswasser neben einem Kalender, auf den "gesund leben!" notiert ist
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Was ist gesunde Ernährung? Und wieso essen wir gerne Burger und Schokolade, obwohl wir wissen, dass es nicht unbedingt gesund ist? Darüber haben wir mit dem Ernährungspsychologen Christoph Klotter gesprochen.

hr-iNFO: Wir wissen, was gesund ist. Trotzdem essen wir oft ungesund. Warum?

Klotter: Es gibt so ein wunderbares italienisches Sprichwort: "Zwischen der Absicht und der Umsetzung liegt das Meer". Ich glaube, das kennen wir alle aus unserem Alltag. Wir nehmen uns etwas vor und dann machen wir genau das Gegenteil. Das liegt daran, dass wir von der Tradition bestimmt sind. Wir wollen so kochen wie Oma. Und es liegt daran, dass unser limbisches System, eine der ältesten Gehirnregionen, von uns bedingungslosen Gehorsam verlangt, was die Belohnung betrifft. Das heißt, wenn ich zum Beispiel das Interview mit Ihnen unheimlich anstrengend finde würde, dann würde ich mir danach sagen: "Jetzt habe ich mir eine Pizza verdient". So sind wir programmiert.

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hr-iNFO: Das heißt, Essen ist Geschmackssache und eine Frage von Gewohnheit und genetischer Veranlagung. Spielt die Vernunft gar keine Rolle?

Klotter: Die Vernunft hat eine Minderheitsposition von 20 Prozent. Unser Essverhalten ist 80 Prozent unbewusst, emotional und ganz stark von Gewohnheiten diktiert. Uns schmeckt das, was wir schon immer gegessen haben.

hr-iNFO: Kann man das irgendwie unterbrechen oder umdrehen, so dass wir auf gesundes Essen mehr Lust bekommen?

Klotter: Naja, wir können ein bisschen gegensteuern. Wir können ein bisschen mehr auf das Essen achten. Wir können schauen, was uns gut tut. Aber ich würde mich nicht in ein Zwangskorsett begeben. Und ich würde den Begriff Gesundheit meiden. Denn, wenn der Begriff Gesundheit fällt, kriegen sofort alle Angst. Diejenigen, die noch gesund zu sein scheinen, kriegen Angst, krank zu werden. Die anderen, die nicht gesund sind, kriegen auch einen großen Aufreger im Kopf. Gesundheit ist nicht der richtige Begriff. Ich würde sagen: ein Essen, was mir schmeckt, ein Essen womit ich Dinge erkunde, ein Essen, was mir wohl tut.

hr-iNFO: Was meinen Sie mit „erkunden“?

Klotter: Dass ich anfange, zu sagen: Was essen denn die anderen? Könnte es mir auch schmecken? Andere Lebensmittel ausprobieren. Mehr Zeit aufs Essen verwenden. Wenn jemand sagt, zum Abendessen habe ich keine Zeit, dann erwidere ich, aber zum vier Stunden langen Fernsehen haben Sie schon Zeit? Es ist auch eine Frage des Zeitmanagements, was ich mir zum Essen gönne und was ich Neues erfahren will. Es geht um das Erwerben einer lustvollen Esskompetenz, wo ich stolz bin, dass ich mich in meiner Küche auskenne, dass ich für Freunde und Verwandte kochen kann, und dass mit ihnen zusammen das Essen zu einem sozialen, schönen Ritual wird, damit ich nicht nur körperlich satt werde, sondern auch psychisch.

hr-iNFO: Das, was Sie ansprechen, ist ja durchaus vorhanden in der Gesellschaft. Aber im eigenen Alltag, für sich alleine oder zu zweit, da fällt das unter den Tisch.

Klotter: Wir sollten nicht die Ausnahmen machen, sondern eine Esskultur erarbeiten, die tragfähig ist für jeden Tag. Nicht unbedingt für jeden Tag, aber im Schnitt. Und das macht Spaß, weil das viel mehr bringt, als wenn ich es neben dem Fernseher oder Computer in mich hineinschlinge.

hr-iNFO: Wissenschaftlich gesehen gibt es relativ wenig generell Gültiges, was die Wissenschaft sagt zur gesunden Ernährung. Meistens läuft es auf eine Empfehlung hinaus, wie " möglichst ausgewogen ernähren". Würden Sie sagen, dass es mittlerweile so viel unterschiedliches Faktenwissen gibt, dass es die Menschen eher verunsichert?

Klotter: Selbstverständlich. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung korrigiert ihre Empfehlungen und das verwirrt doch die Menschen, wenn immer irgendetwas anderes gilt. Vor ein paar Jahren gab es die Kampagne "Five a day" zu Obst und Gemüse; heute steht Fruktose auf der Giftliste. Und dementsprechend darf nicht mehr Obst gegessen werden. Es gibt eigentlich nur drei Ernährungsempfehlungen, die wirklich tragfähig sind: abwechslungsreich, Gemüse und unverarbeitet. Und wer sich daran ein bisschen orientiert, hat eigentlich schon alles geschaffen. Zu allen anderen Punkten gibt es widersprüchliche Befunde.

hr-iNFO: Sind wir häufig auch deswegen so inkonsequent, weil man es nicht gleich spürt, dass man sich auf Dauer ungesund ernährt?

Klotter: Natürlich spüren wir es nicht. Erst sind wir ganz glücklich: Wir haben jetzt ein tolles Eis gegessen und die langfristigen Folgen sind erst einmal schwer zu kalkulieren. Der Mensch denkt nicht an 30 Jahre und eine Lebensverlängerung, sondern er denkt, wie er den Tag meistert und sich belohnt. Es ist schwierig, langfristig zu arbeiten. Deshalb ist meine Empfehlung immer, mit einer langfristigen Perspektive zu arbeiten. Nicht an vier Monate zu denken, sondern an vier Jahre oder vierzig Jahre.

Sendung: hr-iNFO, 07.03.18, 06:10 Uhr

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