Symbolbild Häusliche Gewalt

Beleidigt, beschimpft, vergewaltigt, geschlagen: Knapp 9.000 Strafanzeigen wegen häuslicher Gewalt zählte die Polizei Hessen allein im vergangenen Jahr, über 1.700 Fälle mehr als noch vor zehn Jahren. Für viele Betroffe ist ein Frauenhaus die letzte Zuflucht.

Christa Wellershaus ist Sozialarbeiterin von "Frauen helfen Frauen". In einem Frauenhaus im Frankfurter Norden unterstützt sie Opfer häuslicher Gewalt. Sie bestätigt: Von Entspannung könne keine Rede sein – weder in Hessen noch in Deutschland.

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Schatten von Mann deutet an, Frau auf Sofa zu schlagen
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Gerade die Zahl der Todesopfer in Deutschland verdeutliche das: "Es ist immer wieder wichtig, dass wir uns vor Augen führen, dass jeden dritten Tag eine Frau umgebracht wird. Also aus einer ehemaligen Liebesbeziehung oder familiären Beziehung oder Ehe – jeden dritten Tag. Das ist unglaublich viel", sagt Wellershaus.

Opfer häuslicher Gewalt überwiegend weiblich

Laut hessischer Kriminalstatistik sind die allermeisten Opfer häuslicher Gewalt weiblich, nämlich 83 Prozent - und die Täter Männer. Deutsche Frauen würden oftmals wissen, wer ihnen helfen kann, sie fänden Zuflucht bei Freunden oder Familie und kämen oft nur zur Beratung ins Frauenhaus.

Viele der Frauen, die in Frauenhäuser flüchten, um dort auch zu bleiben, haben ausländische Wurzeln, sagt Wellershaus. Sie wüssten nicht, welche Rechte sie haben und dass sie die Gewalt, die sie erleben, nicht dulden müssen.

"Deine Ehre ist verletzt!"

Immer wieder gebe es beispielsweise Fälle, in denen Männer aus Marokko, die schon länger in Deutschland sind und ein Bleiberecht haben, Frauen aus ihrer Heimat heiraten. Hier müssten die Frauen dann schlimmste Misshandlungen erleiden, sagt Wellershaus: "Also schlagen, vergewaltigen, demütigen und immer sagen: Wenn du gehst, musst du zurück nach Marokko und hast kein Geld und deine Ehre ist verletzt und da hast du die Schande."

Gewalt gegen Frauen gebe es aber in allen sozialen Schichten und Nationalitäten. Und die Gewalt nehme eher zu als ab, auch in Hessen. "Ich selber bin schon seit 1987 dabei und hab schon viel mitbekommen und die Gewalt reißt nicht ab", so die Sozialarbeiterin.

Kaum Wohnraum für Frauen in Not

Und auch die Frauenhäuser seien in der Regel voll. Grund dafür sei auch, dass viele Frauen länger im Frauenhaus wohnen bleiben als nötig. Denn sie seien zwar stabil genug, um auszuziehen, fänden aber keine Wohnung.

Weitere Informationen

Hilfe für Betroffene

Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen"
(bundesweit, rund um die Uhr, kostenfrei)
08000/116 016
Mehr Informationen zum Hilfetelefon finden Sie hier.

Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe
Hier finden Sie Hilfsorganisationen in Ihrer Nähe.

Ende der weiteren Informationen

Die hessische Landesregierung hat das Problem erkannt und verspricht, gegenzusteuern. Das Sozialministerium will zum Beispiel dabei unterstützen, Wohnraum für stabilisierte Frauen zu finden. Das könne je nach Lage vor Ort "auch mit Übergangswohnungen etwa im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus sichergestellt werden", so das Ministerium. Zudem plant die Landesregierung die Mittel für das Frauenschutzsystem jährlich zu erhöhen. So sollen 2020 über eine Million Euro an Mitteln "zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt" zur Verfügung stehen.

Flucht in die Ferne

Doch von einem Rückgang der Gewalt gegen Frauen ist derzeit nichts zu spüren. Momentan sind hessische Frauenhäusern noch fast überall voll. Frauen, die akut bedroht sind, finden keinen Platz in ihrer Stadt. Deshalb müssten sie oft sogar nach Flensburg, Rostock oder Berlin fahren, um unterzukommen, sagt so Christa Wellershaus.

Ihre Arbeit müssen die betroffenen Frauen ohnehin meist aufgeben. Aus Sicherheitsgründen, damit der Mann, mit dem sie mal zusammen gelebt haben, sie nicht findet und bedrohen kann.

Sendung: hr-iNFO, 25.11.2019, 15 bis 18 Uhr

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