Ein Hakenkreuz und ein durchgestrichener Davidstern sind an einer Gedenkstätte in Berlin zu sehen.

Nach dem Anschlag in Halle stellt sich die Frage: Wie sicher ist jüdisches Leben heute in Deutschland? Ein Blick in die Geschichte der Bundesrepublik zeigt: Die Liste der Gewalttaten gegen Juden und ihre Einrichtungen ist lang. Ein Überblick.

10. Februar 1970, München. Es war ein Freitag - der Sabbat hatte gerade begonnen. Kurz nach 20 Uhr schlagen Flammen aus dem jüdischen Gemeindezentrum. In den oberen Etagen lebten einige Senioren im Altenwohnheim der Gemeinde. Die meisten konnten das Gebäude, unterstützt von Feuerwehr und Nachbarn, rechtzeitig verlassen. Aber für drei Frauen und zwei Männer kam jede Hilfe zu spät.

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Zwei der Opfer hatten die Vernichtungslager der NS-Zeit überlebt. Einer der Eingeschlossenen rief in Todesangst aus einem der Fenster: "Wir werden vergast, wir werden verbrannt". 3500 Mitglieder hatte die Gemeinde damals. Es waren Menschen, die NS-Vernichtungslager überlebt hatten, aus dem Exil zurückgekehrt waren und trotzdem im Land der Täter leben wollten oder mussten. 25 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur erinnert sich die  Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde in München, Charlotte Knobloch: "Das war ein Schock für die Gemeinde, und einige Mitglieder haben München - und damit auch uns - danach verlassen."

Täglich vier bis fünf antisemitische Delikte in Deutschland

Unbekannte hatten das Treppenhaus von oben bis unten mit Benzin übergossen und angezündet. Für die Menschen sollte es kein Entkommen geben. Es war nicht der erste Anschlag in kurzer Zeit. Einige Monate zuvor warfen Unbekannte Handgranaten auf die israelische Botschaft in Bonn. Am 31. Jahrestag der November-Pogrome wollten pro-palästinensische Linksextremisten das jüdische Gemeindehaus in Berlin sprengen. Die Bombe explodierte nicht - wegen eines defekten Zeitzünders.

Die Behörden tun sich schwer, diese Taten zu erfassen und aufzuklären - schon damals. Die Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit hat die vorliegenden Zahlen des Bundesinnenministeriums und Medienveröffentlichungen ausgewertet und spricht von täglich vier bis fünf antisemitischen Delikten in Deutschland.

Liste der Verbrechen ist lang

Die Geschichte dieser Verbrechen ist lang. 1975: Ein Paketbombenanschlag auf den Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Hans Galinski. 1979: Während in der ARD der Fernsehfilm Holocaust läuft, sprengen Neonazis die Leitungen zu einem Südwestfunk-Sender und zu einer Richtfunkstelle bei Münster. Hunderttausend Haushalte konnten den Film nicht mehr sehen. 1980: Die Wehrsportgruppe Hoffmann ermordet einen jüdischen Verleger und seine Lebensgefährtin in Erlangen. 1992: Eine jüdische Frankfurterin wird im Westend von einem Neonazi erschossen - der Täter wurde erst im vergangenen Jahr verurteilt. 1994: Neonazis werfen Molotow-Cocktails auf die Lübecker Synagoge. Sie werden gefasst, die Strafe: vier Jahre Haft. Ein Jahr später traf es wieder genau diese Synagoge, diesmal brannte ein Gebäude aus, Täter unbekannt.

Danach: Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge, der Täter ein junger Neonazi, Strafe: knapp zwei Jahre Haft. Danach Anschläge auf die Essener Synagoge, auf den Jüdischen Friedhof Berlin, auf die Synagoge Kreuzberg, ein vereitelter Bombenanschlag auf das Neue Jüdische Zentrum München, auf einen Kindergarten in Berlin, auf die Wormser Synagoge, auf die Totenhalle des Jüdischen Friedhofs Dresden, auf die Mainzer Neue Synagoge, auf das Gemeindezentrum Pinneberg. Dann traf es noch die Synagoge in Wuppertal und den Jüdischen Friedhof in Oldenburg.

Die Täter: junge Neonazis, in einzelnen Fällen pro-palästinensische Zellen, oft aber unbekannt - wie auch die Täter des Brandanschlags auf das Münchner Gemeindezentrum. Den Kabarettisten und Autoren Christian Springer lässt das bis heute nicht los. Knapp 50 Jahre danach hat er einen Aufruf an die Täter von damals gestartet und seine Telefonnummer ins Netz gestellt: "Vielleicht ruft ja jamend an und sagt: 'Wir waren es und es tut uns wahnsinnig leid.' Aber ich glaube es nicht."

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 10.10.2019, 15 bis 18 Uhr

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