Flüchtlingsunterkunft von innen
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Seehofer will sogenannte Ankerzentren aufbauen. Dabei sind schnellere Abschiebungen längst Realität, wie der Besuch in einer Unterkunft in Darmstadt zeigt.

In der vergangenen Landtagssitzung Ende Mai war es mal wieder so weit: Der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) wurde gescholten, dafür dass sich in Hessen rund 4000 Menschen ohne Bleiberecht aufhalten. Der FDP-Politiker Rene Rock meinte: "Diese müssten umgehend abgeschoben werden. Doch, Herr Innenminister, offensichtlich sind Sie mehr mit Däumchendrehen beschäftigt, als damit Ihre Aufgaben zu machen."

In einer Flüchtlingsunterkunft in Darmstadt haben viele dagegen einen ganz anderen Eindruck. Dort finden die Bewohner, dass die Sicherheitsbehörden im Moment sehr aktiv sind. Mehrmals pro Woche komme die Polizei und hole jemanden ab, sagt ein Mann aus Eritrea: "Ständig kommen sie hier in die Unterkunft. Ständig kommt die Polizei und nimmt jemanden mit. Mir droht auch die Überstellung in die Schweiz. Ich habe jedes Mal Angst, wenn sie kommen."

Rassismus und Schikanen

Die Flüchtlingshelferin Dorothea Köhler aus Darmstadt beobachtet seit einigen Monaten, dass der Druck auf Menschen ohne Bleiberecht wächst: "Seit Anfang des Jahres haben die Abschiebungen massiv zugenommen. Und es ist so: Das Bundesamt hat neue Leute eingestellt, auch um Abschiebungen in die Höhe zu treiben."

Das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration in Nürnberg bestätigt das auf Anfrage von hr-iNFO. Vor allem für sogenannten Dublin-Überstellungen hat die Behörde das Personal aufgestockt. Dublin-Überstellung heißt: Ein Flüchtling wird in das europäische Land gebracht, in dem er zuerst registriert wurde. Dort soll er sein Asylverfahren abwickeln. In den meisten Fällen ist das Italien, erklärt das Hessische Innenministerium. Und die vielen Dublin-Überstellungen lassen die Abschiebezahlen in Hessen seit einigen Monaten wieder steigen: So sind allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres rund 600 Ausländer aus Hessen abgeschoben worden, das sind 50 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres.

Keine Hoffnung in Italien

Auch in der Darmstädter Unterkunft müssen viele, wenn nicht die meisten Bewohner mit einer Dublin-Überstellung rechnen, in der Regel nach Italien. Auch ein Familienvater aus Nigeria: "Das Dublin-System verstehe ich schon. Aber Italien, ganz ehrlich … Ich musste dort auf der Straße schlafen, mit meiner Familie, mit meinem Baby, in der Kälte. Da kamen Leute, die haben "Hey, du Affe!" gerufen. Da gab’s Rassismus, da gab’s Schikanen."

Ein anderer Flüchtling aus Nigeria, dem seine Überstellung nach Italien schon schriftlich angekündigt wurde, gibt offen zu: Er versteckt sich, wenn die Polizei kommt: "Ich schlafe in einem anderen Raum, zum Beispiel da, wo die Leute aus Gambia schlafen. Denn wenn die Polizei mich abholen will, sucht sie zuerst bei den Nigerianern."

Oder er schlafe außerhalb der Unterkunft. Denn Hoffnung, dass sein Asylantrag in Italien anerkannt werden könnte, hat er nicht. Der auch der neue italienische Innenminister will nach eingener Aussage vor allem eins: mehr abschieben.

Sendung: hr-iNFO, 06.06.2018, 7.35 Uhr

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