Greta Thunberg

Sie streikt und segelt, appelliert und polarisiert. Klimaaktivistin Greta Thunberg bestimmt seit einem Jahr die Schlagzeilen und die öffentliche Umweltdebatte. Die junge Schwedin ist Heilsbringerin und Hassfigur in einer Person.

Ein Mädchen mit geflochtenen Zöpfen kniet vor den Treppen des Reichstags in Stockholm. "Ich sitze hier im Schulstreik fürs Klima", sagt die Schülerin einem Team des schwedischen Fernsehens. Schüchtern, leise, ein selbstgemaltes Pappschild in der Hand.

Als "die 15-jährige Greta Thunberg aus Kungsholmen" wurde sie in den Lokalnachrichten vorgestellt. Kungsholmen ist eine der Stockholmer Inseln. Der Name bedeutet wörtlich übersetzt "Königsinsel". Das berühmte Rathaus steht darauf, Kungsholmen ist eine gute Adresse. Dazu passt die Familie der jungen Umweltaktivistin: Greta Tintin Ernman Thunberg ist die Tochter des Schauspielers Svante Thunberg. Heute managt er seine Tochter, die zur eigenen Marke geworden ist. Mama Malena Ernman ist Opernsängerin.

Greta als Abba-Phänomen

Auf dem Weg zur Klimaschutz-Ikone haben die Eltern ihre Tochter gestützt. Kritiker sagen, sie haben sie dahin gepusht. Jetzt ist sie gefühlt die beste aller Gutschweden. Auch wenn sie in ihrer Heimat Schweden als Mahnerin zwar geachtet, aber bestimmt nicht verehrt wird: "Mein Eindruck ist, dass Greta in anderen Ländern deutlich populärer ist als in Schweden", meint eine schwedische Reporterin, die den Aufstieg der Schülerin schon lange begleitet. "Jemand hat gesagt, es gäbe eine Parallele zwischen ihr und Abba. Abba waren schon weltberühmt, bevor man hier verstand, wie groß sie waren."

Typisch Greta ist aber auch, dass sie Recht hat. Ziemlich oft und ein bisschen viel davon. Und schwer hatte und hat sie es auch. Im Alter von acht Jahren fing sie an zu weinen. Sie aß nichts mehr, weil sie einen Film über Plastikmüll in den Meeren gesehen hatte. Sie begann, sich mit Umwelt- und Klimaschutz zu beschäftigen. Dann kam die Diagnose Asperger Syndrom, eine Form von Autismus.

In einer Talkshow hat die Galionsfigur schon darüber gesprochen, als sie noch keine Galionsfigur war: "Hätte ich kein Asperger und wäre ich nicht so merkwürdig, dann hätte ich mich wohl auch in den sozialen Netzwerken verfangen, nach denen alle so verrückt sind. Ich sehe die Welt aber anders und glaube, dass ich sonst nicht in der Lage wäre, von außen auf das Problem zu schauen."

„Ich will, dass ihr Panik bekommt“

Mit der Zeit wurde Greta kecker. Immer offensiver formulierte sie ihre Standpunkte – so wie Anfang des Jahres beim Weltwirtschaftsforum in Davos: "Ich will, dass ihr Panik bekommt, dass ihr die Angst fühlt, die ich jeden Tag habe. Und dass ihr handelt, als stünde das Haus in Flammen. Weil es das tut!"

Greta nimmt kein Blatt vor den Mund. Begeisterte Leser einer schwedischen Zeitung haben sie deshalb zur "Frau des Jahres" gewählt. Sie ist für den Friedensnobelpreis nominiert, hat viele prominente Politiker getroffen, auch den Papst. Und alle haben ihr zugehört.

Zufriedengestellt hat das die streikende Schülerin nicht: "Zugehört haben sie vielleicht, aber das bedeutet nicht, dass sie auch wirklich hingehört haben. Sonst hätten sie ja mittlerweile etwas getan." Die Schwedin mahnt: "Jetzt sind Monate vergangen und sie haben nichts getan. Entweder haben sie nicht hingehört, oder sie ignorieren alles, oder sie warten auf irgendetwas."

Seekrank auf hoher See

Ende September will Greta beim Klimagipfel der Vereinten Nationen auftreten und im Dezember in Chile an der jährlichen UN-Klimakonferenz teilnehmen, wenn sie heil in New York ankommt. Aktuell ist sie mit ihrem Vater und einem Dokumentarfilmer an Bord einer Renn-Segelyacht auf hoher See.

Die Reise ist nichts für schwache Nerven und Mägen. Das war ihr bei der Abreise im britischen Plymouth klar: "Ich bin ein wenig seekrank. Es wird nicht sehr gemütlich, aber damit kann ich leben. Wenn es doch wirklich hart werden sollte, denke ich, dass es ja nur für zwei Wochen ist." Laut Online-Logbuch geht es ihr im Moment ganz gut.

Heftiger Gegenwind kommt vor allem von Kritikern, die behaupten, sie sei eine Marionette düsterer Strippenzieher mit ökonomischen statt ökologischen Interessen. Beweise? Fehlanzeige. Unangenehmer sind da schon Berichte, nach denen der Törn gar nicht so grün ist wie gedacht, auch wenn die Segelyacht selbst kein CO2 produziert. Denn der Skipper fliegt wohl nach Europa zurück und auch die mehrköpfige Besatzung für den Rückweg nach Europa nimmt den Flieger.

Was bleibt nach dem Hype?

Kippt da etwa die Pro-Greta-Stimmung? Greta hat geahnt, dass der Hype nachlassen wird: "Dieses Medieninteresse wird sich auf Dauer nicht halten, das wissen alle. Deshalb versuche ich, so viel wie möglich rauszuholen, solange ich das kann. Ich hoffe aber, dass der Fokus von einzelnen Personen auf die Forschung gelenkt wird. Statt mich zu interviewen, sollte man Forscher interviewen."

Irgendwann wird es ruhiger werden um das Gesicht der Jugendbewegung. Das ist Greta klar und offenbar auch recht. Auf die Frage, ob sie nach ihrer Amerikareise und nach dem Ende des Schul-Sabbatjahres weiter streiken wird, sagte sie nüchtern: "Ich glaube ja, leider, aber ich hoffe, dass ich es nicht mehr machen muss!"

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 20.8.2019, 15 bis 18 Uhr

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