Als man in den 60er Jahren die Batteriehaltung von Junghennen einführte, war von Tierwohl keine Rede. Es sollte noch über 20 Jahre dauern, bis Tiere rechtlich den Status des "Mitgeschöpfs" erhielten. Und noch heute gibt es Techniken, die das nicht vermuten lassen.

Rückblick in die 1960er Jahre: Auf dem Land zwischen Heidelberg und Heilbronn züchten die Bauern der badischen Eier- und Geflügelverwertungs-AG ihre Legehennen. Von Tierwohl ist damals, 1967, nicht die Rede : „Bei der Aufzucht von Legehennen ist heute noch die Bodenhaltung allgemein üblich. Aber erste Versuche mit Junghennen in Batterien versprechen bereits Erfolg. Geflügelfachleute rechnen damit, dass sich diese Aufzuchtsform ebenso rasch durchsetzen wird wie die Batteriehaltung von Legehennen, da auf der gleichen Grundfläche mehr Tiere bei wesentlich geringerem Arbeitsaufwand gehalten werden können.“

So klingt das in einem Fernsehbeitrag aus dem Archiv des Bayerischen Rundfunks. In den 70ern ändert sich der Blick auf das Tierwohl – wenn auch langsam. Der Bundestag reformiert das Tierschutzgesetz und regelt darin Fragen zu Tierversuchen, medizinischen Eingriffen und anderen Themenfeldern.

Seit den 90ern gelten Tiere als "Mitgeschöpfe"

1980 dann treten die Grünen erstmals bei der Bundestagswahl an. Das Wohl der Tiere spielt in den Wahl-Werbespots der jungen Partei aber erstmal nur eine Nebenrolle: „Opa, warum sind die Fische tot? Weil die Industrie das Rheinwasser vergiftet hat.“ Mit dem Schutz der Umwelt rückt aber auch das Wohl der Tiere stärker in den Fokus der Öffentlichkeit. Aktivistinnen und Aktivisten beklagen in den 80er Jahren vor allem die Massentierhaltung.

Das Thema erreicht auch die Parlamente. 1990 schreibt der Bundestag im Bürgerlichen Gesetzbuch fest, dass Tiere als Mitgeschöpfe gelten – und sie nicht länger mit Gegenständen gleichzustellen sind. Als erstes deutsches Bundesland bekommt Hessen 1992 eine Tierschutzbeauftragte. Es ist Madeleine Martin, die zu ihrem Amtsantritt sagt: „Wir haben eine Verantwortung für Tiere als leidensfähige Mitgeschöpfe, Tiere die Schmerz und Angst empfinden. Und vor allem Tiere, die nicht für sich selbst sprechen können oder die über Situationen reflektieren können.“

Noch immer gravierende Missstände

Dennoch: Tierschutzorganisationen sehen auch heute noch gravierende Missstände: „Da werden Schwänze abgeschnitten, Eckzähne abgeschliffen, Schnäbel gekürzt – das alles kann auf Dauer so nicht weitergehen. Dieses System fährt vor die Wand", sagt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, in einem ZDF-Interview.

Mit einem „Tierwohl-Label“ will das Bundeslandwirtschaftsministerium künftig aufklären über die Bedinungen im Stall. In der politischen Debatte um den Schutz der Tiere und geeignete Gesetze ist längst der Verbraucher in den Fokus gerückt.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 4.12.2020, 9 bis 12 Uhr 

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