Ein Blick von oben auf die Zuschauermenge beim #wirsindmehr-Konzert.
Rund 65.000 Menschen kamen zum Konzert unter dem Motto #wirsindmehr. Bild © picture-alliance/dpa

Rund 65.000 Menschen haben sich am Montag in Chemnitz gegen Rassismus gestellt. Bundespolitiker kamen nicht zum #wirsindmehr-Konzert. Ein Versäumnis? Ein Pro und Contra.

"Das wäre ein starkes Zeichen gewesen"

von Nina Barth

Was für ein Zeichen: Zehntausende auf dem Konzert in Chemnitz. Wir sind mehr – das haben sie eindrucksvoll gezeigt. Es waren beeindruckende Bilder. Und nein, Reden von Politikern habe ich da nicht vermisst. Aber: Dass sie da sind, dass sie Gesicht zeigen. Als Zeichen der Solidarität mit der Zivilgesellschaft, die gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit aufgestanden ist.

Ein einzelnes Konzert ändert nichts an den Dingen, die zuletzt in Chemnitz passiert sind. Es ändert auch nichts an den Problemen, die wieder einmal so offensichtlich geworden sind. Aber, wie sagte der Sänger der Band Kraftklub: "Manchmal ist es wichtig, zu zeigen, dass man nicht allein ist." Und ich finde, er hat Recht, genau darum ging es gestern Abend.

Mag sein, dass unsere Bundespolitiker befürchtet haben, sie würden an diesem Abend Horden von Rechten anlocken, so wie wir sie in den vergangenen Tagen in Chemnitz gesehen haben. Aber das darf Politiker nicht abhalten. Außenminister Heiko Maas hat im Kampf gegen Rassismus Bequemlichkeit angeprangert – und gefordert, wir müssten auch mal vom Sofa hochkommen. 65.000 haben das am Montagabend getan. Und das hätte ich mir auch von unseren Bundespolitikern gewünscht. Keine Reden, einfach nur ihre Gesichter. Politik Seite an Seite mit der Zivilgesellschaft – das wäre ein starkes Zeichen gewesen.

"Dafür braucht es keine Politiker"

von Horst Kläuser

Da rocken 65.000 Menschen in Chemnitz zu den "Toten Hosen" oder "Kraftklub" und zeigen den Rassisten die musikalische rote Karte. Und kein einziger Bundespolitiker ist auf der Bühne. Wunderbar! Ich habe die Bundeskanzlerin im roten, blauen oder gelben Blazer nicht vermisst, auch nicht Horst Seehofer in mausgrau oder die Hamburger Stimmungskanone Olaf Scholz. Stattdessen starke Musiker, die ins Volk schrien, dass sie mit dem braunen Pöbel nix zu tun haben wollen. Und das Volk kam.

Genau deshalb haben mir die üblichen Politikernasen der demokratischen Parteien nicht eine Sekunde lang gefehlt. Klar, ich hätte denen sogar die Reden vorschreiben können: betroffen vom Tod eines unschuldigen Menschen, erschreckt von der  Feindseligkeit, demokratische Antwort des Staates geben, Werte wahren und so weiter und so weiter. Kennen wir. Ist wohl durchaus ernst gemeint, aber einfach schon zu oft gesagt.

Deshalb Musik: Punk, Rock, Rap. Das ist die Antwort des freiheitlichen, des weltoffenen Deutschlands. Dafür braucht es keine Politiker. Die sollen das laute Signal aus Chemnitz für die fälligen politischen Weichenstellungen hören und umsetzen. Das geht aber genauso gut in Berlin oder München. In Sachsen jedenfalls haben mir Merkel, Nahles, Scholz & Co. nicht gefehlt. Diesmal nicht.

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Sendung: hr-iNFO, 04.09.2018, 12.20 Uhr

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