Hannah Goslar
Bild © ARD/WDR

Sie lernten sich in Amsterdam kennen, wo beide mit ihren Familien vor den Nazis Schutz suchten, und trafen sich wieder im Konzentrationslager in Bergen-Belsen. Heute, knapp 75 Jahre später, erzählt die eine von der anderen. "Weil ich überlebt habe und Anne nicht", sagt Hannah Goslar.

Ein Wiedersehen zwischen zwei Freundinnen. An einem Ort, an den sie die Nationalsozialisten verschleppt haben. Ein Ort, der rein gar nichts mit ihrer zunächst unbeschwerten Kindheit in Amsterdam zu tun hat. Ein Ort des Schreckens: das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Es ist 1945. Hannah Pick-Goslar ist 16 Jahre alt und trifft ihre Kindheitsfreundin: Anne Frank.

Später erinnert sich Goslar: "Anfang Februar sagt mir jemand: 'Deine Freundin Anne Frank ist hier nebenan in dem Lager'. Und ich bin wie vor den Kopf geschlagen. Wo habe ich gedacht ist Anne? In der Schweiz. Bei ihrer Oma. Und jetzt soll sie hier im Lager sein und es geht ihr noch schlechter als mir? Und da stehe ich da, fünf Minuten oder so. Ganz kurz und warte. Regen, ekelhaft, Angst! Und irgendjemand ruft mich. Und das war nicht das kleine vorlaute Mädchen, das ich aus Amsterdam kannte. War wirklich ein gebrochenes Mädchen."

Der Beginn einer Freundschaft

Hannah Pick-Goslar wird wie Anne Frank in Deutschland geboren. Und wie die Franks muss auch ihre Familie nach Amsterdam fliehen – weil sie jüdisch ist. In den Niederlanden sind die Familien Frank und Goslar zunächst sicher. In den 1930er-Jahren treffen sich Hannah und Anne dort zum ersten Mal. Es ist der Beginn einer Freundschaft.

„Gleich am Anfang, wir kamen nach Amsterdam. Und meine Mutter nimmt mich zum Einkaufen und trifft eine andere Flüchtlingsfrau mit einem kleinen Mädchen an der Hand, die ein halbes Jahr jünger war als ich", erinnert sich Goslar. "Man sprach auf Deutsch, denn keiner konnte Holländisch. Und so haben wir uns sofort die erste Woche kennengelernt."

1940 werden Hannah und Anne, die mit ihren Familien aus Deutschland geflohen waren, gewissermaßen eingeholt. Die Nationalsozialisten besetzen die Niederlande. Und setzen später auch dort ihre antisemitischen Gesetze um. "Wir mussten also alle einen gelben Stern tragen. Wir mussten unsere Schule verlassen. Und wir durften nicht mehr mit der Tram, nicht mehr mit dem Bus, nicht mehr mit der Eisenbahn, nicht mehr mit dem Schiff, nicht mehr mit dem Rad fahren. In Amsterdam geht alles mit Fahrrädern. Wir durften nicht mehr in ein Schwimmbad. Nichts, was Freude macht im Leben, war erlaubt. Sogar, wenn man sich auf eine Bank setzen wollte, in einem Park, stand dran: „Hunde und Juden unerwünscht“. Und die Deutschen machten Listen, die SS-Leute. Und fingen an, ganze Familien abzuholen, so ab November, Dezember 1942."

"Ich wollte über Anne reden"

Anne Franks Familie lässt verbreiten, dass sie sich in Sicherheit gebracht hat. In die Schweiz. Auch Hannah Goslar glaubt das. Aber es stimmt nicht. Die Franks verstecken sich in Amsterdam und werden im Sommer 1944 verhaftet. Hannah Goslar wird bereits ein Jahr früher deportiert. Von der Familie Goslar überleben nur Hannah und ihre kleine Schwester den Holocaust. Nach 14 Monaten in Bergen-Belsen.

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Bildkombo Exponat, Anne Frank

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zum hessenschau.de Audio Poetry Slam und Gedenkveranstaltung zum 90. Geburtstag von Anne Frank

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Hannah Goslar wandert später nach Israel aus – wo sie bis heute lebt. Sie ist mittlerweile 90 Jahre alt, hat viele Kinder und Enkelkinder. Einen großen Teil ihres Lebens hat sie in Israel und Deutschland Jugendliche getroffen. Sie hat ihnen von den Schrecken des Nationalsozialismus erzählt. Und von ihrer Freundin Anne Frank: "Weil ich gelebt habe und Anne nicht, wollte ich über Anne erzählen. Die Welt muss wissen, was passiert ist, damit man es eben eventuell verhüten kann. Das ist mir wichtig."

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