Siemens-Chef Joe Kaeser

Auf der Siemens-Hauptversammlung könnte es für Joe Kaeser ungemütlich werden. Der Siemens-Chef steht nicht nur bei Umweltschützern in der Kritik. Auch einige Aktionäre wollen ihm ihr Misstrauen aussprechen.

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel Der Riese und sein Ruf: Siemens zwischen Umsatz und Umwelt

Das Thema
Ende des Audiobeitrags

Siemens will bis 2030 klimaneutral werden. So steht es auf der Internetseite des Konzerns. Ein selbstgestecktes Ziel, das aber weniger ist als es klingt. So jedenfalls sieht es der Dachverband der kritischen Aktionäre, der auf der Hauptversammlung am Mittwoch rund 640 Siemens-Aktionäre vertritt (mit fast 90.000 Aktien). Seine Kritik: Die Ankündigung des Konzerns, klimaneutral zu werden beschränke sich allein auf die eigene Produktion, nicht aber auf die letztliche Anwendung der Siemens-Produkte.

"Wenn wir uns zum Beispiel die geplanten Kohlekraftwerke in Indonesien anschauen, für die Siemens die Technik liefern und bei der Finanzierung unterstützen möchte, ist klar, dass der CO2-Ausstoß dort nicht mit dem Klima-Budget für Indonesien zu vereinbaren ist", so Tilman Massa vom Dachverband. "Da fehlen uns klare Vorgaben, die mit dem Pariser Klimaschutzabkommen vereinbar sind."

Verträge besser einhalten

Insbesondere missfällt den kritischen Aktionären, dass Siemens die Signaltechnik für eine Bahnanlage liefert, die zu einer riesigen Kohle-Mine mitten in Australien führt. Das zeige exemplarisch die Verwicklungen des Konzerns mit der fossilen Industrie.

Siemens-Chef Kaeser hatte den umstrittenen Auftrag beim Weltwirtschaftsforum in Davos verteidigt, bei nicht Erfüllung des Vertrags hätte hoher Schadensersatz gedroht. Rückendeckung erhält er von Stefan Schöppner: "Die Verträge waren geschlossen und wenn Verträge geschlossen wurden, spricht extrem viel dafür, sie auch einzuhalten. Sonst wäre der Vertrauensschaden für zukünftige Projekte extrem groß gewesen. Man hätte sich aber auch schon vor dem Vertragsabschluss über die Reputation Gedanken machen können", so der Finanzmarktanalyst der Commerzbank.

Rendite über langfristige Ziele gestellt

Innerhalb der Belegschaft von Siemens betrachtet man die Diskussion um die Kohle-Mine in Australien pragmatischer. Der Vorsitzende des Vereins der Belegschaftsaktionäre, Werner Fembacher, glaubt: Wenn Siemens die Signaltechnik nicht geliefert hätte, wäre ein anderes Unternehmen zum Zug gekommen. Die Betriebs-Aktionäre haben viel grundsätzlichere Kritik an Joe Kaeser, der seit 2013 Vorstandschef ist und den Konzern massiv umbaut. Kaeser stelle die Rendite über langfristige Ziele, bemängelt Fembacher.

Klar ist: Konzernchef Kaeser steht unter Druck – und dabei ist sein missglückter Versuch, den Klimaaktivisten den Wind aus den Segeln zu nehmen, in dem er der Schülerin Luisa Neubauer einen Aufsichtsratsposten angeboten hatte, für viele Aktionäre nur ein Nebenschauplatz. Viel wichtiger ist die Frage nach der zukünftigen Ausrichtung des Konzerns. Hier wünschen sich viele Aktionäre mehr Klarheit, wo Siemens langfristig hin steuern will.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 05.02.2020, 6-9 Uhr

Jetzt im Programm