Schrebergarten

Über Deutschlandfahnen und Tomatenpflanzen weht ein Hauch von Spießigkeit: Das Klischee, das manch einer im Kopf hat, wenn er an Kleingärten denkt, ist längst überholt. Weniger Vorschriften und mehr junge Menschen bringen die Siedlungen wieder näher an ihre über 100 Jahre alten Wurzeln.

Peter Bitter ist schon seit vielen Jahren Kleingärtner - oder Schrebergärtner, wie er selbst gerne sagt. Die Bezeichnung geht zurück auf den Leipziger Naturarzt Daniel Moritz Gottlob Schreber. Der hatte zwar nichts zu tun mit der Entwicklung, war aber Namensgeber für die erste Kolonie von Kleingärten.

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Blick auf die Gartenanlage des Kleingartenvereins Johannisau Fulda.
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Anfänge nach Erstem Weltkrieg

Ihren Ursprung haben die Schrebergärten in den Naturheilvereinen, erklärt Karl Heinz Emmeluth, Vorsitzender des Kasseler Kleingartenverbandes: "Das waren die Ersten, die angefangen haben, Parzellen für die Kinder und für die Erholung zu schaffen" – und zwar schon vor über 100 Jahren. Den "zweiten Schub" habe es dann nach dem Ersten Weltkrieg gegeben, "als die Leute nichts mehr zu essen hatten", so Emmeluth. Damals sei das Kleingartenwesen entstanden, wie wir es heute kennen: "Also dass wir Kleingärten haben, die ein Drittel Nutzgarten haben."

Emmeluth kennt die Geschichten und die Geschichten seiner Vereine ganz genau. Er weiß auch um den schwierigen Wiederbeginn nach dem Zweiten Weltkrieg, als von Idylle nichts zu spüren war. Damals seien die Kleingärten auch zum Wohnen genutzt worden, da die Stadt durch die Bombardierung stark in Mitleidenschaft gezogen worden sei.

Neue Generation von Kleingärtnern

Wenn Emmeluth heute durch die Kleingartenanlagen der Stadt wandert, ist er auch ein bisschen stolz: Eine neue Generation hat das „Kleingärtnern" für sich entdeckt. Das habe „sehr stark was mit dem ökologischen Denken zu tun“, erklärt er. „Viele Leute wollen heute kein Obst und Gemüse mehr im Supermarkt kaufen, weil sie nicht wissen, ob es chemisch behandelt wurde – besonders viele junge Leute.“ Also zieht es sie zunehmend in Schrebergärten.  

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Grün-Paten pflegen kommunale Flächen
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Auch für Menschen mit Migrationshintergrund ist der Kleingarten ein ganz besonderes Stückchen neuer Heimat geworden. Es gebe in Kassel Vereine, die „einen Migrantenanteil über 75 Prozent haben und dort sehr gepflegte Gärten haben. Das beste Beispiel dafür war der Kleingartenverein Mattenberg, der bei dem vorletzten Bundeswettbewerb die Goldmedaille für Kassel geholt hat – der hat den höchsten Migrantenanteil von allen Kleingärten hier in Kassel“, sagt Emmeluth.

Strenge Regeln längst gelockert

Die einst strengen Regeln, die leider auch manchen Schrebergartenverein in Verruf gebracht haben, sind längst gelockert. Dennoch - an einem wichtigen Grundprinzip wird festgehalten: „Eine der Regeln ist diese Ein-Drittel-Lösung, die auch höchstrichterlich entschieden worden ist“, erklärt Emmeluth. Das führe aber auch dazu, dass „der Pachtpreis noch immer auf einem sehr niedrigen Niveau ist.“

Die Ein-Drittel-Lösung gilt auch für die kleine Parzelle von Peter Bitter. Allerdings schummle hier in seiner Anlage wohl jeder ein bisschen, gesteht er. „Was Du anpflanzt, ist ja egal – nur kein Cannabis.“ Und so ist der Kleingarten heute wieder das, was er schon vor 110 Jahren war: Ein Ort der Erholung mit frischem Obst und Gemüse aus eigener Ernte.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 31.7.2019, 6 bis 9 Uhr

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