Blick in ein Klassenzimmer vom Flur durch die Tür

"Heile Welt" auf der einen, soziale Brennpunkte auf der anderen Seite: Die Schere zwischen Hessens Schulen geht immer weiter auseinander. Lehrer melden sich zu Wort und sprechen von Überlastung, immer wieder fällt der Begriff Integration. Welche Probleme gibt es konkret? Was sind die Ursachen und welche Lösungsansätze gibt es?

Die Realität Schule hat sich verändert in den letzten Jahren. Lehrer sind zunehmend überlastet und im Dauerstress. Schulen aus ganz Hessen haben schon Überlastungsanzeigen an das hessische Kultusministerium geschickt. Vor allem in sogenannten "sozialen Brennpunktschulen" häufen sich Probleme.

Lehrer beschreiben, was es heißt, wenn sie in Klassen unterrichten, in die kaum noch ein deutsches Kind geht. Hinzu kommt der allgemeine Lehrermangel, oft müssen ungelernte Aushilfslehrer einspringen – auch an Schulen mit schwierigen Bedingungen. Viele Schulen müssten zudem dringend saniert werden, sagen viele Lehrer, es fehle an Ressourcen.

Fehlende Deutschkenntnisse, mangelndes Vorwissen

Vor einigen Monaten hat Ingrid König, eine ehemalige Grundschulrektorin aus Frankfurt-Griesheim für mediales Aufsehen gesorgt. In "Schule vor dem Kollaps" zweifelt sie daran, ob die Integration noch gelingen kann. Seit Januar ist die 65-Jährige in Ruhestand. Jetzt leitet ihre Nachfolgerin Carola Rausch-Hegelund die Berthold-Otto Grundschule. Sie erzählt, dass etwa 99 Prozent der Kinder an ihrer Schule einen sogenannten Migrationshintergrund haben. Sie kommen aus Afghanistan, der Türkei, Marokko, Griechenland, Indien usw.

Oft sind es bildungsferne, sozial schwache Familien, deren Kinder auf die Schule kommen, sagt sie. Viele von ihnen sind schon lange in Deutschland, oft schon in der zweiten oder dritten Generation. Trotzdem können sie oft wenig oder gar kein Deutsch. Und ihre Kinder auch nicht. Rausch-Hegelund erzählt von einem 6-Jährigen, der zum Einschulungsgespräch mit seinem Vater kam und kein Wort Deutsch sprach. "Das hat mich verblüfft, wie man es schafft, ein Kind sechs Jahre lang zu Hause zu lassen und ihm nichts von der deutschen Kultur oder Sprache nahezubringen", sagt die Pädagogin.

Die Kinder kommen ohne viel Vorwissen und mit riesigen Defiziten in die Schule, erzählt sie - sprachlich und sozial. "Sie haben auch vor vielen Dingen Angst, weil sie sie nicht kennen." Wenn die Schulklasse zum Beispiel einen Ausflug in den Wald mache, hätten viele Kinder Angst und glaubten, dass es da wilde Tiere gibt. "Die Kinder sind oft sehr viel zu Hause, haben wenig Anregung. Ihnen fehlen schlicht Vorbilder, auch sprachliche Vorbilder."

Eine Region, zwei Welten

Szenenwechsel: Königstein/Falkenstein. Ein beschauliches Örtchen im Taunus. Viele große Villen stehen hier. Ganz oben auf dem Berg: eine kleine Grundschule. Das komplette Gegenteil zur Grundschule in Frankfurt-Griesheim. Schulleiterin Julia Lehmann erzählt: "Wir haben etwa 95 Prozent deutsche Kinder. Sie kommen meist aus wohlhabenden Familien und einem bildungsnahen Elternhaus." Die vierte Klasse hat bald Fahrradprüfung und nimmt Verkehrsregeln durch. Alle Kinder können die Vorfahrtsregeln. Sprachliche Probleme hat hier niemand.

In der ersten Klasse in Frankfurt-Griesheim spricht der Lehrer gerade mit den Kindern über Gefühle. Ein Thema, das die Kinder interessiert, bei jeder Frage schnellen die kleinen Finger in die Luft. "Dinge in Worte zu fassen, fällt hier aber noch vielen schwer", sagt der Lehrer. Die Schwere zwischen Schulen wie diesen beiden geht immer weiter auseinander, so scheint es: zwischen "heile Welt"-Schulen und "Brennpunktschulen".

Problem endet nicht bei Grundschulen

Das Problem endet nicht bei den Grundschulen, sondern setzt sich in den weiterführenden Schulen fort. Julia Wöllenstein kennt das. Sie ist Lehrerin an einer Brennpunkt-Gesamtschule in Kassel-Wesertor. Sie erzählt, dass ihre Kinder toll seien, sehr offen, wissbegierig und emotional und teilweise auch ehrgeizig. Aber frustrierend sei es schon, wenn sie bei Bewerbungen die zehnte Absage bekommen.

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Zum Artikel "Kartoffelkanaken": Wie Schüler in einem Theaterstück mit Integration umgehen

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Über 90 Prozent ihrer Schüler haben Migrationshintergrund. Die meisten von ihnen fühlen sich nicht als Deutsche, dieser Trend nehme zu, sagt Julia Wöllenstein. Was sie besonders ärgert, ist die falsch verstandene Toleranz der Deutschen. Sogar in ihrem Bekanntenkreis heiße es, "man muss tolerant sein, aber mein Kind soll nicht auf so eine Schule gehen“. Auch Julia Wöllenstein hat ein Buch geschrieben: "Von Kartoffeln und Kanaken". Mit ihren Schülern hat sie dazu ein Theaterstück einstudiert, das für das hessische Schultheatertreffen ausgewählt wurde.

Rückzug in die eigene Community

Julia Wöllenstein beobachtet auch, dass viele der Kinder und Familien in ihrem Stadtteil unter sich bleiben - und sich sogar wieder seltener als Deutsche fühlen als früher. "Das liegt auch an der öffentlichen Debatte und daran, dass wir sie alle in einen Topf schmeißen und eben gar nicht differenzieren", sagt die Lehrerin - etwa zwischen liberalen Muslimen und radikal-islamischen Muslimen.

Dadurch würden sich viele wieder stärker in ihre Communitys zurückziehen. Das beobachtet auch Carola Rasch-Hegelund von der Berthold-Otto-Grundschule in Griesheim: "Afghanen sind mit Afghanen zusammen, Türken mit Türken und Griechen mit Griechen."  Das wiederum verstärkt das Sprachproblem. Die 14-jährige Muslimin Merriam aus Griesheim findet das schade. Sie glaubt, wenn es mehr Deutsche in ihrem Stadtteil gäbe, würden die Eltern auch motiviert sein, Deutsch zu lernen. "Aber dadurch, dass hier so wenige sind, sprechen die Eltern dann meistens die Sprache, die sie können und suchen sich auch so Leute, die die Sprache können", sagt sie.

Eine Frage von Elternhaus, Bildung und Stadtteil

Die Ursachen für die beschriebenen Probleme sind vielschichtig und komplex. Zum Einen spielen natürlich die Eltern eine entscheidende Rolle. Wenn sie ihr Kind fördern und unterstützen und dafür sorgen, dass es früh Deutsch lernt, kann auch ein Kind mit Migrationshintergrund aus bildungsfernem Elternhaus in einer sozialen Brennpunktschule seinen Weg gehen und es schaffen.

Problematisch wird es dann, wenn diese Unterstützung wegfällt. Ein bestimmtes Vorwissen, ein bestimmter Bildungsgrad zum Start in die Grundschule sind entscheidend, damit Schule und Lehrer auf einem gewissen Niveau ansetzen können. Und letztlich scheint der Stadtteil, in dem die Kinder wohnen, ausschlaggebend zu sein, welche Start- und Bildungschancen sie haben.

"Wer es sich leisten kann, zieht weg – auch die Migranten", sagt Harriet Kühnemann, Schulleiterin der Brennpunkt-Grundschule in Gießen. So würden sich bestimmte Probleme an bestimmten Schulen verschärfen. Die Krönung dieser Entwicklung sind Eltern, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken. Die Anzahl der Kinder, die eine Privatschule besuchen, nimmt seit Jahren kontinuierlich zu. Auch in Hessen, wie aktuelle Studien u.a. des Deutschen Instituts für Wirtschaftsförderung DIW und der Lehrergewerkschaft GEW belegen.

Viele Vorschläge zur Verbesserung

Wie könnte man die Situation verbessern? Was wünschen sich die Lehrer und Schüler an den betroffenen Schulen? Es gibt viele Vorschläge. Carola Rausch-Hegelund von der Berthold-Otto-Schule in Frankfurt Griesheim fände es gut, das Kindergeld an den Kitabesuch zu koppeln, um frühe Sprachförderung und Bildung für alle zu fördern.

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Zum Artikel Wie Integration an Schulen gelingen kann

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Ex-Schulleiterin Ingrid König wünscht sich eine grundsätzliche gesellschaftliche Debatte darüber, was wir als Gesellschaft wollen, welche Werte wir vertreten und ob wir echte Integration wollen oder sogenannte "Parallelgesellschaften" in bestimmten Stadtteilen akzeptieren. Und die Gesamtschullehrerin Julia Wöllenstein aus Kassel schlägt vor, die integrierte Gesamtschule wirklich flächendeckend einzuführen und das Gymnasium und das dreigliedrige Schulsystem abzuschaffen: "Nur so können wir eine echte Durchmischung der Schüler erreichen", glaubt sie.

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2 Kommentare

  • Wir haben arabischstämmige Familienmitglieder und alle sprechen einwandfreies Deutsch. In unserer Familie gehört das zum Standard.

  • Zur Berufsschule
    Hier geht die Integration weiter. Fleißige, intelligente Azubis scheitern an der Bildungssprache in den Schulbüchern. Ich betreue ich einen Azubi für Lagerlogistik. Die Bücher sind überfrachtet mit Fremdwörtern. Vermutlich als Hilfe sind die englischen Begriffe gedacht. Hinzu kommt ein komplizierter Satzbau, der das Verstehen erschwert. In einfacher Sprache übersetzte Bücher wären eine große Hilfe.

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