Eisbär im Nordpolarmeer

Der politische Status der Arktis ist ungeklärt, es gibt keinen Vertrag über das eisbedeckte Meer. Doch durch die Erderwärmung gibt das Eis neue Ressourcen frei – ein eiskalter Kampf bricht aus.

Es ist schön, bei Lars dem Eisbären am Nordpol. Was Lars aus dem Kinderbuchklassiker nicht weiß: um seine Heimat tobt ein eiskalter Kampf. Denn je mehr die Erderwärmung die Polkappen schmelzen lässt, desto zugänglicher und somit begehrter wird die unwirtliche Eiswüste. Und die Arktis heizt sich zwei- bis dreimal so stark auf wie andere Regionen.

Ein Monopoly um die Vorherrschaft am Pol hat längst begonnen – mal diplomatisch oder juristisch ausgetragen, mal ziemlich handfest. Russland zum Beispiel schaffte 2007 ganz eigene Fakten und rammte seine Flagge auf den Grund des Eismeeres: rostfreies Titan in 4261 Metern Tiefe unter dem Nordpol. Zu welchem Zweck, erklärte damals Artur Chilingarov, russicher Arktisforscher und Parlamentsabgeordneter. "Wir haben den Nordpol erreicht und die russische Fahne verankert. Ich pfeife darauf, was das Ausland sagt. Das ist Russland. Das ist die Arktis. Wir sind alle zusammen", sagte Chilingarov.

Eine "polare Seidenstraße"?

Für viele war das der Startschuss für einen Wettlauf zum Nordpol. Dänemark nahm es nordisch kühl auf. Wissenschaftsminister Helge Sander konterte: "Man kann dort so viele Flaggen hissen, wie man will. Das ist aber nicht das Entscheidende. Wichtig ist, dass wir uns an Spielregeln halten, die die Vereinten Nationen festgelegt haben. Es kommt also nicht darauf an, Flaggen zu hissen, sondern, dass die Forschungsprojekte jetzt klar stellen, wem was gehört."

Diese "Spielregeln", von denen Sanders spricht, sollen sich am Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen orientieren. Weil die Arktis ja im Prinzip Meer und nicht Land ist. Danach dürfen die Anrainerstaaten bis 200 Seemeilen, also gut 370 Kilometer, ab der eigenen Küstenlinie "Wirtschaftszonen" einrichten, also zum Beispiel Fische fangen oder nach Öl bohren. Wo genau diese "Küstenline" verläuft, ist aber nicht immer so klar.

Und so kämpfen nicht nur die Anrainer Russland und Dänemark, Norwegen, Kanada und die Vereinigten Staaten um die Vormacht, sondern neuerdings auch China. Seit seiner Polarstrategie von 2018 sieht sich das Riesenreich selbst als "arktisnahen Staat" und spricht von einer "polaren Seidenstraße".

Das Eis gibt Ressourcen und Transportwege frei

Sie alle bringen sich in Stellung. Weniger für die Forschung, sondern eher für die Ausbeutung der eisigen Schatzkammer im Nordpolarmeer. Das machte Dänemarks damaliger Außenminister Martin Lidegaard schon 2014 deutlich. "Wir wollen Dänemarks Stimme in der Welt stärken. Es ist ein riesiges Gebiet, das für die Welt geöffnet wird, wenn das Eis in den kommenden Jahren schmilzt. Wir möchten gerne Einfluss darauf nehmen, wie zum Beispiel die Transportwege genutzt werden. Wie wir die Umwelt und das Klima schützen können. Und wenn es dort Ressourcen gibt, wollen wir auch davon profitieren."

Mit Ressourcen meint Lidegaard vor allem Öl und Gas. Auch Zink, Nickel und Diamanten werden hoch im Norden vermutet. Das mag auch eine Rolle gespielt haben, als US-Präsident Donald Trump im Sommer 2019 mit einem skurril anmutenden Vorschlag um die Ecke kam. Den Dänen wollte Trump Grönland abkaufen.

Nicht nur Handel, auch Tourismus

Und das war nicht nur so dahingesagt, sondern Teil der Arktis-Strategie die US-Außenminister Mike Pompeo schon im Mai vorgestellt hatte. "Die Arktik bietet Chancen im Übermaß. Der stetige Rückgang von Eis eröffnet neue Möglichkeiten im Handel."

In Zeiten des abnehmenden Eises geht es auch um Routen für Kabel, Pipelines und Schiffe. Militär, Handel und Tourismus. Die norwegische Reederei Hurtigruten veranstaltet inzwischen Kreuzfahren durch die legendäre Nordwest-Passage, die Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik. Was früher undenkbar war, wird heute regelmäßig angeboten, für zahlungskräftige Kundschaft: vier Wochen in der Außenkabine für schlappe 24.000 Euro…

Sendung: hr-iNFO, Aktuell, 23.12.2019, 15-18 Uhr

Jetzt im Programm