Cem Özdemir

Die Grünen schweben seit Monaten auf Harmoniewolke sieben. Doch jetzt könnte es neuen Ärger geben: Cem Özdemir hat sich um den Fraktionsvorsitz beworben.

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Im Mai 2019, kurz nach der Europawahl, schweben die Grünen in ungeahnten Höhen: Erst erzielen sie Rekordwerte bei den Landtagswahlen, dann übertreffen sie bei der Europawahl ihre eigenen Erwartungen.

Umfragen sehen sie im Sommer sogar als stärkste Kraft im Land. "Wir haben den Aufrag, ins Zentrum der Demokratie zu rücken", kommentiert Parteichef Habeck. "Das ist ohne Frage eine neue Rolle für uns. Aber eine, die wir suchen und die wir haben wollen."

Ein Bild perfekter Harmonie

Apropos Habeck: Seit er gemeinsam mit Annalena Baerbock die Partei führt, hat sich einiges geändert. Die beiden harmonieren gut miteinander. Es gibt keinen öffentlichen Streit, inhaltliche Differenzen werden intern gelöst, kleine Querschüsse schnell abgefangen. Selbst Linke und Realos suchen nach gemeinsamen Kompromissen. Keine Spur also von Zwist, Kampfkandidaturen oder heftigen Debatten. Nach außen ein Bild fast perfekter Harmonie.

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„Was hat der Ötzelprötzel vor?“ Zitat von Cem Özdemir
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"Und damit stellt sich zu Recht auch die Frage: Was hat der Ötzelprötzel vor?", fragt Cem Özdemir. Der Ötzelprötzel nämlich, also er selbst, macht eine Ansage, die es in sich hat: Er will zurück in die erste Reihe. Er kandidiert als Fraktionsvorsitzender, gemeinsam mit der Bremer Bundestagstags-Abgeordneten Kirsten Kappert-Gonther. Er Realo, sie eine Fraktions-Linke. Und so hat es schlagartig einen Riss bekommen, das Bild der grünen Harmonie.

Überraschende Kampfansage

Denn mit dieser Kampfansage haben die aktuellen Fraktionsvorsitzenden Anton Hofreiter und Katrin Göring-Eckardt nicht gerechnet. "Ich war überrascht. Ich hab am Samstag wie alle anderen davon erfahren, dass es diese Kandidatur gibt", sagt Göring-Eckardt.

Sie und Hofreiter führen die Fraktion seit 2013 weitestgehend geräuschlos. Mit Özdemir könnte sich das ändern: Er gilt als starker Rhetoriker, streitbar, manchmal unbequem. In der Bevölkerung aber ist er sehr beliebt. Er galt lange als das Zugpferd der Grünen.

"Es gibt auch Unzufriedenheit"

Darin sieht Politikwissenschaftler Eike-Christian Hornig eine Chance: "Dass Özdemir überhaupt diesen Schritt wagt, zeigt, dass es innerhalb der Fraktion auch Unzufriedenheit mit der bisherigen Fraktionsführung gibt. Özdemir ist hingegen sehr erfahren und könnte die Fraktion als Machtzentrum gegenüber der Parteiführung stärken, was sicher einigen gefallen könnte", so Hornig.

Für die Parteivorsitzenden Habeck und Baerbock – beide dem Realo-Flügel der Partei zugehörig - kommt Özdemirs Kandidatur zu keiner guten Zeit. Denn die Umfragewerte sinken wieder. Und die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg haben die Grünen verunsichert. Sie legten zwar zu, aber deutlich weniger als erhofft.

Chance oder Chaos?

Als Fraktionsvorsitzender könnte Özdemir jetzt noch mehr Chaos in die Partei bringen, und alte Flügelkämpfe wieder beleben, sagt der Parteienforscher Jürgen Falter. "Außerdem wird die Konkurrenz-Kandidatur von Özdemir als eine Bedrohung angesehen", meint Falter. "Wenn Özdemir gewählt werden würde, würde er viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit auf sich ziehen und die unumstrittene Führungsposition von Habeck und Baerbock wäre infrage gestellt."

Für Özdemir ist diese Kandidatur eine Chance: Er könnte wieder einen Platz in der ersten Reihe der Partei ergattern und die Fraktion angriffslustiger machen. Das könnte neuen Schwung in die Partei bringen. Aber auch Unruhe.  

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 24.9.2019, 6-9 Uhr

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