Das Kraftwerk Niederaußem von RWE

Experten sind sich einig, dass die Menschheit den Klimawandel genau jetzt stoppen muss. Trotzdem scheint es, als steuerten wir wider besseres Wissen in die Katastrophe. Die Sozialpsychologie liefert eine Erklärung für dieses Verhalten.

Die Fakten zum Klimawandel liegen auf dem Tisch und es ist auch klar, was die Weltgemeinschaft tun muss, um die globale Erwärmung in Grenzen zu halten: runter mit den CO2-Emissionen und das möglichst sofort. Und trotzdem: Wenn es konkret wird – zum Beispiel beim Kohleausstieg - wird es unendlich mühsam. Deutschland wird seine selbst gesteckten Klimaziele verfehlen.

"Also das ist schon hart, das muss man sagen", sagt Barbara Hendricks – und sie muss es wissen. Die SPD-Politikerin war bis März dieses Jahres Bundesumweltministerin. Sie war dabei, als auf dem Klimagipfel von Paris 2015 ein wegweisendes Abkommen zur Begrenzung der weltweiten Erwärmung beschlossen wurde. Und sie hat erlebt, wie schwierig Umwelt- und Klimaschutz im politischen Alltag in Deutschland durchzusetzen sind.

Drei natürliche "Gegner"

"Ein Umweltminister oder eine Umweltministerin hat innerhalb der Bundesregierung immer drei natürliche, ich will nicht sagen Gegner, aber mindestens drei Ressorts, die nicht recht mitmachen wollen: Das ist Wirtschaft, das ist Verkehr, das ist Landwirtschaft", erklärt Hendricks. Da sind starke Interessen, die zum Beispiel wirksame Maßnahmen zur Senkung des CO2-Ausstoßes bremsen. Und das obwohl spätestens im Hitzesommer 2018 den meisten klar geworden ist, dass die Folgen der globalen Erwärmung dramatisch sein werden.

"Eigentlich weiß jeder, dass wir auf dem falschen Dampfer sind, dass wir auf den Abgrund zusteuern, dass wir das unseren Kindern nicht antun können. Aber es wird verschämt wie ein schmutziges Geheimnis weggeschoben", sagt Klimaforscher Joachim Schellnhuber. In der Sozialpsychologie gibt es den Begriff der "kognitiven Dissonanz". Er beschreibt einen unangenehmen Gefühlszustand, der entsteht, wenn wir nicht vereinbare Gedanken, Überzeugungen oder Wünsche haben.

"Ist doch nicht so schlimm"

Jeder kennt das: Da ist der gute Vorsatz, weniger Süßigkeiten zu essen und endlich ein paar Pfunde abzunehmen. Und dann das alltägliche Scheitern mit einer Tafel Schokolade. Um nicht allzu sehr an der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit  zu leiden, betreiben wir Dissonanzreduktion. Der Widerspruch wird klein geredet.

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"Ist nicht so schlimm, ich bin ja gar nicht sooo dick. Fasten kann ich ab morgen. Und ist Kakao nicht auch gut fürs Herz?" Das funktioniert auch beim Klimawandel: "Eine Flugreise mehr oder weniger macht doch jetzt auch keinen Unterschied."

Systemische Risiken sind schwer zu fassen

Hinzu kommt, was Umweltsoziologe Ortwin Renn als "Das Risiko-Paradox" bezeichnet. Wir fürchten uns vor den falschen Gefahren. So ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Terror-Anschlags zu werden statistisch sehr gering. Und dennoch ist der Terror für die meisten Menschen weit bedrohlicher als die sich abzeichnende Klimakatastrophe.

Große, systemische Risiken, die sich langsam entwickeln, sind für uns schwer zu fassen: "Mich trifft es ja im Moment noch nicht und wenn es ein bisschen heißer wird, wird es doch nicht so heiß gegessen wie es gekocht ist", so Renn. Exakt das ist das Problem im Umgang mit dem Klimawandel, das sich bis in die höchste Politik fortsetzt. Deutschland könnte zum Beispiel seine Klimaziele noch erreichen. Dazu müssten aber die ältesten Braunkohlkraftwerke abgeschaltet werden. Das politisch durchzusetzen ist aber, mit den Worten von Barbara Hendricks: "Also das ist schon hart, das muss man sagen."

Sendung: hr-iNFO, 14.12.2018, 8.40 Uhr

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