Eine Hamburger Demo zum Tag der Arbeit

Der Blick auf 70 Jahre DGB ist ein Blick auf Erfolge. Doch die liegen bereits eine Weile zurück. Was müssen die Gewerkschaften jetzt tun, damit sie weitere 70 Jahre bestehen bleiben können?

70 Jahre DGB. Das klingt nicht schlecht. Immerhin hat der DGB mitsamt seinen Gewerkschaften wie der IG Metall, verdi oder IG BAU und IG BCE in den letzten Jahrzehnten einiges bewegt: 8 Stundentag, 40 Stundenwoche, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Kündigungsschutz, Urlaubsgeld. Das sind alles Errungenschaften der Gewerkschaften und da, wo Tarifverträge gelten, verdienen die Beschäftigten mehr, haben bessere Arbeitsbedingungen als da, wo keine Tarifverträge gelten.

Der Blick zurück ist ein Blick auf Erfolge. Allerdings auch auf Erfolge, die oft schon lange zurückliegen, denn beim Blick in die Gegenwart sieht vieles nicht so rosig aus: Immer weniger Unternehmen sind an Tarifverträge gebunden. Immer wieder versuchen Firmen und ganze Branchen die Arbeitsbedingungen verschlechtern, die Bezahlung abzusenken, immer wieder mit Erfolg. Betriebsräte, eigentlich eine Selbstverständlichkeit, gibt es in vielen Unternehmen gar nicht, nicht selten vom Unternehmen selbst verhindert.

Global und digital denken

Das Kern-Problem: die Gewerkschaften haben in den letzten Jahren Millionen von Mitgliedern verloren, ohne ein Gegenmittel zu finden, das schwächt sie ganz erheblich. Ohne Mitglieder lassen sich Forderungen und Interessen bei besten Willen nicht durchsetzen und die Gewerkschaften sind dafür selbst verantwortlich. Zu lange haben sie nicht oder nur zögerlich reagiert, sind in alten Strukturen und Verhaltensmustern stecken geblieben, während sich die Welt um sie herum verändert hat. Unternehmen sind global aufgestellt, es gibt viele neue Firmen, gerade im Dienstleistungsbereich oder der weiten Internet-Welt, wo die Gewerkschaften nach wie vor außen vor sind.

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Es gibt neue Formen der Arbeit. Immer mehr Menschen arbeiten selbständig über das Internet, erledigen nur einzelne Auftragsarbeiten oder einzelne Projekte, arbeiten oft genug rund um die Uhr. Das erschwert es den Gewerkschaften an sie heran zu kommen. Dabei wäre Schutz und Sicherheit gerade in diesen Arbeitsformen wichtiger als je zuvor. Erst in den letzten Jahren haben DGB  und die Einzelgewerkschaften versucht, hier etwas zu ändern, auf die Beschäftigten direkt zuzugehen, ein mühseliges und langwieriges Geschäft.

Wie werden die nächsten 70 Jahre?

Und es wird nicht leichter: Die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Viele Arbeitsplätze und Tätigkeiten, die jahrzehntelang existiert haben, dürften verschwinden. Die Beschäftigten müssen sich völlig neue Fähigkeiten erarbeiten, um in Zukunft noch eine Chance zu haben. Gewerkschaften sind da alles andere als überflüssig, im Gegenteil. Sie müssen sich auch gar nicht neu erfinden. Sie müssen sich aber wandeln, sich auf die neuen Bedingungen einstellen, und zwar schnell. Zeit um 70 Jahre DGB zu feiern, bleibt da eigentlich nicht. Denn ich glaube: Die nächsten 70 Jahre werden schwerer als die vergangenen 70 Jahre.

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Was sind Gewerkschaften?

Was macht eine Gewerkschaft aus?
Gewerkschaften vertreten Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen einer bestimmten Branche oder eines bestimmten Berufs. Grundsätzlich gilt: Die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft ist freiwillig. Das Recht, sich in einer Gewerkschaft zusammenschließen, ist über die Koalitionsfreiheit im Grundgesetz geregelt.

In welchen Branchen und Betrieben gibt es Gewerkschaften?
In Deutschland orientieren sich die Gewerkschaften in einem ersten Schritt nicht an Unternehmen, sondern an der Branche oder einzelnen Berufen. Die IG Metall etwa vertritt die Interessen von Beschäftigten aus Metall, Stahl und Elektrounternehmen. Nicht in allen Branchen ist die Tradition der Gewerkschaften gleich stark verankert – vor allem Mitarbeiter von Digital- und IT-Unternehmen gelten als vergleichsweise schwach organisiert.

Was können Gewerkschaften für ihre Mitglieder erreichen?
In mehr als 200 Branchen in Deutschland handeln die Gewerkschaften Tarifverträge für ihre Beschäftigten aus. Ziel der Gewerkschaften ist es, für die Beschäftigten möglichst gute Mindeststandards zu erzielen: etwa wenn es um Löhne, Arbeitszeiten oder Urlaubstage geht. Auf der anderen Seite des Verhandlungstisches sitzt die Seite der Arbeitgeber, die häufig in eigenen Verbänden organisiert ist. In Deutschland arbeiten jedoch immer weniger Beschäftigte in einem Unternehmen, das an einen Tarifvertrag gebunden ist.
Der Grund: Viele Unternehmen meiden Tarifverträge. Sie bevorzugen es, die Arbeitsbedingungen für ihre Mitarbeiter individuell zu gestalten.

Welche Vorteile und Rechte haben die Gewerkschaftsmitglieder?
Gewerkschaftsmitglieder können sich aktiv an der Gestaltung und den Zielen der Interessenvertretung einbringen. Viele Gewerkschaften bieten ihren Mitgliedern außerdem Weiterbildungsmöglichkeiten, Rechtsschutz und Beratungsmöglichkeiten an. Viele Gewerkschaften kämpfen jedoch mit einem Rückgang der Mitglieder.

Wie arbeiten Gewerkschaften mit den Betriebsräten in Unternehmen zusammen?
Grundsätzlich sind die Gewerkschaften und Betriebsräte in Unternehmen eigenständig und voneinander getrennt zu betrachten. Häufig vertreten sie jedoch die gleichen Ziele, um die Situation für die Mitarbeiter zu verbessern.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 21.10.2019, 15-18 Uhr

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